Neue Studenten begrüßt Bernhard Streck mit der Bitte, die Uni zu wechseln. "Wenn Sie Ethnologie studieren wollen, gehen Sie nach Bayreuth", sagt er dann, auch Halle sei empfehlenswert. Alles. Bloß nicht Leipzig. Die meisten bleiben dennoch. Warum? Es könne nur an der Attraktivität der Stadt liegen, glaubt Streck. An der Attraktivität der Uni liege es in keinem Fall.

Das Problem dieses Ethnologieprofessors ist eine Zahl: 357. So viele Studenten betreut der gebürtige Mannheimer. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt kommen auf einen Universitätsprofessor 58 Studenten. Und das sind schon viele. Wenn der 64-jährige Streck über die Zustände an seinem Institut spricht, fallen Wörter wie: Unverantwortlichkeit. Ruinenlandschaft. Missbrauch. Baldige Explosion.

Seit Bernhard Streck 1994 Deutschlands ältestes ethnologisches Institut übernommen hat, kämpft er mit den Studentenmassen. Vom Seminar mit handverlesen systemkonformer Studentenschaft zu DDR-Zeiten wandelte sich die Ethnologie in Leipzig zum Massenfach. Weil es nach der Wende keinen Numerus clausus gab, konnte sich einschreiben, wer wollte. Viele wollten.

Die Bologna-Reform hält Streck anfangs deshalb sogar für eine große Chance. Lernen in kleinen Gruppen, das klingt verlockend. Das Institut plant begeistert einen Bachelor für 30 Studenten. Dennoch sitzen im Wintersemester 2008 gleich 96 Neuimmatrikulierte in der Einführungsveranstaltung. Ein Jahr später sind es 110. Er sei fassungslos gewesen, sagt Streck heute. Er dachte: Geht doch, bitte, nach Bayreuth.

Nach dem Hochschulpakt bekommt ein Institut für jeden zusätzlich aufgenommenen Studenten 600 Euro. Das reicht für ein Jahr. Der Bachelor dauert drei Jahre. Weil sich die Zahl der Mitarbeiter und Hilfskräfte an einem Institut grundsätzlich nach der Anzahl der Professoren richtet, hat Streck Stress. Er ist der einzige Professor.

Selbst Wolfgang Fach, der Prorektor für Lehre und Studium der Universität Leipzig, empfindet die Zustände an Strecks Institut als "skandalös".

Weil sich all das, was an deutschen Universitäten schiefläuft, bei den Leipziger Ethnologen zum Unerträglichen verdichtet: Massenabfertigung, seit Monaten unkorrigierte Hausarbeiten, Betreuungsnotstand. Es ist wie beim Discounter: Man erwartet möglichst viel für wenig Geld.

Streck, Experte für Ethnologie des Sudans, hat den Wechsel nach Leipzig oft bereut. "Aber es ist auch schön", sagt er, "König in einem kleinen Reich zu sein." Bis Herbst beherrscht er den Mangel, dann geht er in Rente. Bisher hat sich kein Nachfolger gefunden. Es wäre nur eine kleine Steigerung der Ethnologen-Misere: 357 Studenten auf keinen Professor.