Es gibt nicht viele Weltkonzerne, die derart krisenresistent sind wie das Internationale Olympische Komitee (IOC). In der olympischen Periode von 2005 bis 2008 mit den Spielen in Turin und Peking machte der Schweizer Verein einen Gewinn von 588 Millionen Euro. Seine Rücklagen betragen gut 300 Millionen Euro, und die Fernsehrechte für die nun beginnenden Spiele in Vancouver und die in London 2012 brachten dem IOC bereits 2,5 Milliarden Euro ein, obwohl noch nicht einmal alle Verträge abgeschlossen sind. Gewaltige Zahlen für eine Nichtregierungsorganisation, die nur alle zwei Jahre mit Olympia im Winter und im Sommer einen großen Auftritt erlebt und nur ein einziges Produkt im Portfolio hat: den Sport.

Und dem geht es im Moment in etwa so gut wie den Autos von Toyota. Der Leistungssport steckt in einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise. Nahezu im Wochenrhythmus werden neue Dopingfälle bekannt; allein bei den russischen Langläufern und Biathleten wurden in den vergangenen zwölf Monaten elf Doper überführt. Der Finne Mika Myllylä, Olympiasieger im Langlauf 1998, gestand unlängst, Epo gespritzt zu haben, die Standarddroge der Ausdauersportler. Aber nicht nur im schwer zu kontrollierenden Osten und in der fernen Vergangenheit lauern die schmutzigen Wahrheiten. Deutschlands erfolgreichste Wintersportlerin, Claudia Pechstein, die fünffache Goldmedaillengewinnerin im Eisschnelllauf, darf in Vancouver nicht starten, weil sie in einem immer noch nicht abgeschlossenen Indizienverfahren überführt wurde, ihr Blut manipuliert zu haben.

Doch nicht nur aus der Welt der Spritzen und der Pharmakologie kommen trübe Sportnachrichten. Auch im Legalbetrieb hat das Image der ewig strahlenden Athleten gewaltige Schrammen bekommen.

Die Skispringer: Nervenbündel an der Grenze zur Magersucht; der deutsche Vizeweltmeister Martin Schmitt musste gerade vier Wochen lang pausieren, weil ihm die unvermeidlichen Hungerkuren alle Kraft zum Fliegen geraubt hatten. Die alpinen Skirennläufer: Gerade bei den Frauen vergeht in diesem Winter kein Wochenende, an dem nicht einer Weltklasseathletin das Kreuzband reißt; dem Höllentempo ist das Menschenmaterial offenbar nicht mehr gewachsen. Die Snowboarder: Der US-Amerikaner Kevin Pearce, einer der olympischen Medaillenkandidaten, stürzte im Training aus sieben Meter Höhe ab und zog sich schwerste Kopfverletzungen zu; der Druck, in den immer größer werdenden Eisröhren Kampfrichtern und Publikum immer spektakulärere Sprünge zu zeigen, hat die vermeintliche Fun-Sportart zu einem kaum noch zu kalkulierenden Risiko gemacht.

Wie geht das zusammen – so viel ökonomischer Erfolg bei so vielen verheerenden Nachrichten? Das ist vor allem eine Frage an uns, die Zuschauer. Offenbar ist das Publikum hart im Nehmen, nicht gewillt, sich seine Faszination am Sport kaputt machen zu lassen. Die Ursachen für diese Paradoxie sind ganz verschieden. Zum einen gehört die Geschichte vom gestürzten Helden zum Grundrepertoire aller Sporterzählungen seit der Antike; Heroensage und Sündenfall gehören unmittelbar zusammen.

Zum anderen liefert der Sport klar überschaubare Ereignisse, bei denen über die Frage nach dem Besser oder Schlechter keine Grundwertekommission entscheidet, sondern einfach die Uhr. Auch befriedigt die Jagd nach Medaillen jenen Rest an Nationalismus, der zumindest hierzulande gerade noch opportun ist. Und schließlich ist auch im 21. Jahrhundert die alte Schillersche Idee nicht ganz totzukriegen, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt.