In Wien wird derzeit eine ganz neue Sache geübt. Sie nennt sich Demokratie. Ungelenk tasten sich nun die Politiker auf dieser Terra incognita voran. Learning by Doing nennt das die Fachsprache. Der eine oder andere Fauxpas ist da leider nicht zu vermeiden. Da vergessen etwa die Sozialdemokraten, dass sie in der Hauptstadt absolut regieren und einige der Themen, über die sie jetzt abstimmen lassen, ohnehin längst hätten verwirklichen können. Außerdem fehlen auf dem Stimmzettel die zwei entscheidenden Fragen: "Wollen Sie in Zukunft reicher, schöner und glücklicher werden?" Und: "Glauben Sie nicht auch, dass in Wien dank der SPÖ alles super ist?" Bei letzterer Frage müsste die Möglichkeit der Verneinung natürlich entfallen – es handelt sich um eine sogenannte Ja-Ja-Situation.

Diese neue Kulturtechnik scheint auch der Volkspartei noch große Schwierigkeiten zu bereiten. Seit Jahren ist sie eine Art Untergrundbewegung und deshalb in den Mechanismen korrekten Abstimmungsverhaltens nicht bewandert. Deshalb zerriss der Landesgeschäftsführer vor laufender Kamera einfach seinen Stimmzettel.

Niemand hatte offenbar den guten Mann darüber aufgeklärt, dass man ein Schreibgerät verwendet, um Ablehnung kundzutun, und nicht rohe Gewalt. Angeblich konnte der Grobian anschließend nur mit Mühe davon abgehalten werden, dem zerfetzten Stimmzettel ein wütendes "Nein!" entgegenzuschleudern. Wahrscheinlich nahm er den Begriff Stimmabgabe etwas zu wörtlich. Ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Auch Demokratie will gelernt sein.