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Reform durch Schulgründung", so lautet die Formel, nach der Privatschulen entstehen. Wie im Mittelalter Mönche aus den verkrusteten, behäbig gewordenen Klöstern auszogen, um durch Gründung neuer Klöster den Geist der christlichen Botschaft wiederzubeleben, so verlassen seit über hundert Jahren Eltern oder Lehrer verwaltete Staatsschulen, um ihre Vorstellungen von kindgerechter Pädagogik in unabhängigen Schulen zu verwirklichen. Sie verstehen sich als "öffentliche Schulen in freier Trägerschaft". Sie unterstehen der staatlichen Schulaufsicht. Sie arbeiten aber selbstständig und eigenverantwortlich.

Der Staat garantiert die Bildung für alle Bürger und legt die Standards der Bildung fest. Staatsschulen sorgen seit Einführung der Schulpflicht flächendeckend dafür, dass Kinder jeder Region und jeder Schicht zur Schule gehen können. Staatliche Schulen sind daher unverzichtbar. Es dominiert aber ein Geist der Verwaltung. Zu viele Schulleiter und Lehrer neigen dazu, eher Verwaltungsvorschriften zu folgen als ihrem pädagogischen Impetus. Die Berufung auf Vorschriften dient als Vorwand, die Anstrengung von Reformen zu meiden. Reformfreudigen Eltern und Lehrern bleibt daher oft kein anderer Weg, als Privatschulen zu gründen. Sie nutzen den Spielraum, den der Staat gewährt, um eine ganzheitliche Bildung anzustreben und dem einzelnen Kind gerecht zu werden. Ihren Erfolg messen sie nicht an Prüfungsergebnissen, sondern am Lernfortschritt des einzelnen Kindes. "Hilf mir, es selbst zu tun" – dieser Satz von Maria Montessori prägt das Leitbild vieler Privatschulen. Diese Schulen haben neue Formen des Lehrens und Lernens entwickelt, sie integrieren Theater, Musik, Sport, Handwerk, Abenteuer und Erlebnis in den Schulalltag, sie beteiligen die Schüler verantwortlich an der Regelung des Zusammenlebens und gewähren der Persönlichkeitsentwicklung in einer "Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden" viel Zeit. Sie waren schon immer Brutstätten innovativer Ideen.

Schulen in freier Trägerschaft garantieren eine Vielfalt von Schultypen – und Schulmodellen. Sie bieten Eltern und Kindern Wahlfreiheit durch das Angebot alternativer Wege der Schulbildung. Sie wollen der Vielfalt kindlicher Naturelle gerecht werden, vor allem auch Kindern mit besonderen Begabungen oder mit belasteten Biografien.

Privat geführte Schulen arbeiten effizienter als staatliche Schulen. Wettbewerb, Eigeninitiative, Selbstverwaltung und unternehmerisches Denken charakterisieren die Arbeit von Privatschulen. Sie arbeiten kostengünstiger, weil sie nach Bedarf Haushaltspläne aufstellen, flexibel investieren und sparsam wirtschaften.

Der Bildungsökonom Ludger Wößmann sieht vor allem im Wettbewerb der Privatschulen eine Ursache, warum in Ländern mit einer hohen Privatschulquote eine größere Zufriedenheit von Schülern und Lehrern festzustellen sei, deren Leistungen in der Folge besser seien.

Die Achillesferse der Privatschulen sind die Kosten. Deshalb sieht das Grundgesetz eine staatliche Förderung vor, die allerdings in Deutschland nicht den Kosten an staatlichen Schulen entspricht. Das ideale Schulmodell bildeten daher staatlich finanzierte Schulen, die privat geführt werden. In den Niederlanden sind 75 Prozent der Schulen so organisiert. Wößmann sieht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den überwiegend privat geführten Schulen in den Niederlanden und ihrem überdurchschnittlich guten Abschneiden bei internationalen Vergleichen.

Deutsche Staatsgläubigkeit hat dazu geführt, dass Deutschland zu den wenigen westlichen Ländern mit einem geringen Anteil an Privatschulen zählt. Zugleich ist es das Land mit der ungerechtesten Verteilung von Bildungschancen. Mehr Privatschulen und damit mehr Vielfalt, mehr Eigenverantwortung, unabhängigeres Denken und weniger Beamtenmentalität in der Schullandschaft würden auch den Staatsschulen Beine machen zum Nutzen von Eltern, Lehrern und Schülern.

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