DIE ZEIT: Herr Acklin, sind Sie ein guter Psychoanalytiker?

Jürg Acklin: Würde ich einfach Ja sagen, wäre ich ein schlechter Analytiker. Aber ich gebe mir alle Mühe, ein guter zu sein.

ZEIT: Was ist denn ein guter Psychoanalytiker?

Acklin: Einfachere Fragen, bitte.

ZEIT: Nein.

Acklin: Dann halt: Ein guter Analytiker ist ein Mensch, der über sich selbst gut Bescheid weiß.

ZEIT: Und was wissen Sie über sich?

Acklin: Ich kenne unterdessen meine besseren und meine schlechteren Seiten.

ZEIT: Was sind Ihre schlechteren Seiten?

Acklin: Oje, wenn das meine Patienten lesen! Ich möchte Ihnen zwei Beispiele geben: Ich habe immer gewusst, dass ich eine sehr aggressive Seite habe. Ich neige zum Jähzorn, nicht im tätlichen Sinne, aber ich bin sehr aufbrausend. Heute habe ich meine Aggressionen besser in meine Gesamtperson integriert. Ich kenne auch den Neid. Ich bin neidisch auf schreibende Kollegen, die vom gleichen Punkt aus wie ich gestartet, und doch weiter gekommen sind. Wenn man das bei sich erkennt, lässt es sich leichter damit umgehen. Jetzt aber Schluss, sonst muss ich Ihnen noch 180 Franken für diese Stunde bezahlen.

ZEIT: Na gut. Sie werden am 20. Februar 65 Jahre alt. Sie haben also den Überblick. Haben sich die Neurosen Ihrer Patienten verändert?

Acklin: Unbedingt. Ich habe heute viel mehr Menschen in der Praxis, die nicht erwachsen werden wollen oder können, die nicht wissen, wer sie sind, die Identifikationsschwierigkeiten haben. Und vor allem habe ich viel mehr Patienten, die eine konstante Grundangst haben.

ZEIT: Würden Sie diese Grundangst auch als ein Phänomen der Schweizer Gesellschaft bezeichnen?

Acklin: Ja, die Leute sind verunsichert, das macht Angst. Wie denn auch nicht? Die Schweiz ist nicht mehr das, was sie war. La Suisse n’existe pas, hieß es im Schweizer Pavillon auf der Weltausstellung in Sevilla 1982. Das war ironisch gemeint, hat aber schon damals einen Aufschrei der Empörung ausgelöst, weil sich eine Identitätskrise abzuzeichnen begann. Heute gibt es eine Sinnkrise. Was soll das Land, wohin geht es? Die Menschen wissen es nicht. So kann man auch den Kontrollwahn, der in diesem Land grassiert, erklären. Über Kontrolle versucht man verzweifelt, Sicherheit zu gewinnen, also der Grundangst zu begegnen. Es heißt ja, Vertrauen sei gut, Kontrolle sei besser. Das ist falsch. Ohne Vertrauen geht gar nichts. Wir brauchen Vertrauen, um existieren zu können. Mir scheint, dass die natürliche Selbstverständlichkeit verloren gegangen ist. Da ist die Schweiz, aus verschiedenen Gründen, Avantgarde.

ZEIT: Warum?

Acklin: Wir sind heute alle aufgeklärter, aber paradoxerweise auch neurotischer geworden. Früher hatte man zehn oder zwölf Kinder, das einzelne Kind war nicht so mit Erwartungen besetzt wie heute. Wir stellen uns auch intensiver vor, was alles passieren könnte. Das ist einerseits gut, weil wir heute als informierte Menschen wissen, dass man im Krieg nicht nur die Trompete bläst und herumballert, aber wir haben das Maß verloren, unsere Fantasie droht überzuborden, sie wird überwertig, wie beim Hypochonder.

ZEIT: Sind wir wohlstandsverwahrlost?

Acklin: Die 68er haben alte Zöpfe abgeschnitten. "Trau keinem über 30", war die Parole. Daraus wurden dann aber diese fürchterlichen ewig jungen Väter, die mit ihren Kindern fraternisieren. Die Dekonstruktion ist zu weit gegangen, sie ist wie ein Gift, das alles durchdringt und sich am Schluss selber frisst. In dieses Vakuum dringt dann die Rechte ein und schafft Ordnung auf ihre Weise. Alles schon einmal gehabt.

ZEIT: Es entsteht nichts?

Acklin: Wir sind in einem Interregnum, ich bin da nicht so ängstlich. Die Rechte ist zwar nach der Minarett-Initiative in einer Hybris. Aber Hochmut kommt immer vor dem Fall.

ZEIT: Die Schweiz ist haltlos.