Wer sich anpasst, überlebt – Seite 1

Der Mann sagt einen Satz, der ihn in diesen hysterischen Zeiten schon zum Landesverräter macht: "Die Schweiz muss sich anpassen." Aber er ist ja kein Politiker, sondern der oberste Chef der Deutschen Bank in der Schweiz. Und er ist kein Deutscher, sondern Tessiner und seit gut einem halben Jahr im Amt: Marco Bizzozero. Der CEO und Chief Country Officer der Deutschen Bank in der Schweiz ist verantwortlich für insgesamt 900 Beschäftigte. Bizzozero sagt: "Die Banken müssen ihre Geschäftsmodelle an eine Welt ohne fiskalisches Bankgeheimnis anpassen. Wenn das gelingt, hat die Schweiz enorme Chancen."

Er ist groß gewachsen, aber feingliedrig. Verheiratet, dreifacher Familienvater. Der 40-jährige Marco Bizzozero gibt nicht den arroganten Geldhai, selbst wenn er einen Großteil seiner Karriere im Investmentbanking absolviert hat. Genauso wenig den dünkelhaften Privatbankier, der sich gegen jede Veränderung stemmt, weil man es doch seit zwei Jahrhunderten schon so gemacht hat. Vielmehr verkörpert der Ökonom mit einem Masterabschluss der Universität St. Gallen einen neuen Typus. Er ist die Floskeln von der Unverhandelbarkeit des Bankgeheimnisses überdrüssig, lieber zitiert er Charles Darwin, der schon 1859 wusste: "Es ist weder die stärkste noch die intelligenteste Spezies, die überlebt, sondern diejenige, die sich am besten anpassen kann."

"Neues Schwarzgeld nehmen wir gar nicht an. Haben wir nicht nötig"

Willkommen in einer neuen Schweizer Bankenwelt – selbst wenn sie erst in ihren Umrissen erkennbar sein mag. Noch suhlt sich das Land in der Datenklau-Hysterie, derweil der Rest der Welt es als Unrechtsstaat oder Pirateninsel diffamiert. Nun macht die deutsche Regierung auch noch Ernst mit dem Kauf gestohlener Kundendaten: Da mag es manchem Bankier bange werden. Streng gehütete Informationen mutieren zur Hehlerware und damit zum medialen Allerweltsgut. Das Ende des schweizerischen Bankgeheimnisses scheint eingeläutet, exakt 75 Jahre nach seiner Geburt.

Kaum ein anderes ausländisches Finanzhaus dürfte bessere Sensoren für derlei Vorkommnisse haben wie die Deutsche Bank. Mit Josef Ackermann steht ein Schweizer an der Spitze, der es in den letzten Jahren glänzend verstanden hat, zwischen dem urschweizerischen Verständnis nach Kundendiskretion und dem deutschen Bestreben nach einem "gläsernen Bürger" zu lavieren. Auch Ackermanns Risiko-Chef im Konzern ist ein Schweizer: Hugo Bänziger. Und ein weiterer Landsmann leitet die Sparte der vermögenden Privatkunden: Pierre de Weck. Er ist Marco Bizzozeros Chef im Private Wealth Management.

Dass der mythenbehafteten Erfolgsstory des Swiss Banking nun ein so abruptes Ende droht, scheint Bizzozero in seinem geräumigen Büro am Zürcher Bahnhofquai nicht sonderlich zu beunruhigen. Das erstaunt. Denn müsste nicht gerade die Deutsche Bank in ihren Schweizer Tresoren noch Unmengen an Schwarzgeld haben? Nicht lange ist es her, da galt es im gesamten deutschen Geldadel als schick, ein Konto in der Schweiz zu haben.

Als die Schweizer Niederlassung der Dresdner Bank vergangenes Jahr zum Verkauf stand, winkten viele Schweizer Geldhäuser ab, weil der Schwarzgeld-Anteil zu hoch sei, wie es in der Branche heißt. Am Schluss übernahm die liechtensteinische Fürstenbank LGT die Dresdner-Bank-Filiale samt 10 Milliarden Franken an Kundengeldern.

"Wir sind erst seit dreißig Jahren in der Schweiz", sagt Bizzozero mit vielsagender Nonchalance, "also nicht seit hundert oder mehr Jahren wie manche Privatbanken hier." Tatsächlich feiert die Deutsche Bank (Schweiz) nächsten Dezember ihren 30. Geburtstag. Das entschärft den Schwarzgeld-Verdacht erheblich. Denn damit entfällt schon einmal das ganze Geld, das vor und während des Zweiten Weltkriegs sowie in den Wirtschaftswunderjahren danach in die Schweiz floss und zumeist unversteuert war. "Und", fährt Bizzozero entspannt fort, "die Deutsche Bank in der Schweiz hat sich von Anfang an auf sehr vermögende Kunden aus attraktiven Wachstumsmärkten konzentriert."

Was heißt das? Der Banker legt die neuesten Zahlen auf den Tisch: Insgesamt verwaltet die Deutsche Bank von der Schweiz aus 53 Milliarden Franken; Ende 2008 waren es noch 48 Milliarden. Rund die Hälfte der Kundengelder stammt aus Schwellenländern – aus der Golfregion, Osteuropa, Russland, Lateinamerika und Asien. In diesen Weltgegenden hat die Politik die Steuerflucht noch nicht zum Thema gemacht, schon gar nicht für eine Bank, die im Ausland das Geld verwaltet. Die andere Hälfte der Depots kommt von europäischen Kunden, aus Skandinavien, Südeuropa, den Benelux-Staaten sowie zu je etwa 15 Prozent aus Deutschland und der Schweiz. Macht also jeweils knapp 8 Milliarden Franken.

In Schweizer Finanzkreisen geht man davon aus, dass bis zu 40 Prozent der europäischen Gelder unversteuert sein könnten. Solche Angaben machte diese Woche auch UBS-Chef Oswald Grübel vor den Medien. Ob bei der Deutschen Bank in der Schweiz entsprechend rund 3 Milliarden Franken undeklariert seien, dazu will Bizzozero keine Angaben machen.

 

Natürlich kann er nicht ausschließen, dass es schwarze Schafe unter seinen Kunden gibt. Aber er glaubt nicht, dass sich auf den gestohlenen Daten-CDs, welche den deutschen Behörden vorliegen, Geheimnisse aus seinem Institut finden. Er sagt: "Schon lange raten wir unseren Kunden aktiv, einen Steuerexperten beizuziehen und ihr Vermögen zu ›normalisieren‹. Und neues Schwarzgeld nehmen wir gar nicht an. Haben wir nicht nötig." Zur Entlastung sagt Bizzozero noch etwas: "Zwei Drittel der Kunden, die wir aus der Schweiz heraus betreuen, sind sehr vermögend. Diese Key Clients haben im Durchschnitt mehr als 25 Millionen Franken auf dem Konto." Was er nicht sagt, aber wohl meint: Das sind keine mittelständischen Zahnärzte oder Handwerksmeister aus dem Ruhrgebiet, die ihr Erspartes klammheimlich am Steuervogt vorbei hier geparkt haben.

Gerade wenn der Steueraspekt künftig wegfalle, erwarte die Klientel mehr Rendite – zu tieferen Preisen. Darum seien Leistung, Talent und Kompetenz fortan gefragt, sagt Bizzozero. Der Schweizer Finanzplatz biete dazu gute Voraussetzungen. Allerdings brauche es noch bessere Rahmenbedingungen und nun vor allem aus der Politik eine multilaterale Lösung für die fiskalischen Differenzen, sei das mit einer Abgeltungsteuer, mit Amnestien oder anderen Abkommen. Denn nichts sei mobiler als das Kapital der Vermögenden.

Kein Wunder, ruft dies nach Anpassung, nach neuen Geschäftsmodellen, nach einem anderen Selbstverständnis. Gut möglich, dass der Chefwechsel bei der Deutschen Bank in der Schweiz genau dies bezweckte. Weshalb Marco Bizzozero im Mai 2009 den bisherigen CEO Hans-Jürgen Koch ablöste, beantwortet das Frankfurter Mutterhaus nur verklausuliert. Pressesprecher Klaus Winker redet von "mehr Dynamik durch Veränderung" und betont, dass Koch weiterhin in der Geschäftsleitung sitze und mit der Region Naher Osten & Afrika einen der wichtigsten Märkte für vermögende Privatkunden verantworte. Deutlicher spricht Pierre de Weck, Verwaltungsrats-Präsident der Deutschen Bank (Schweiz): "Unter Marco Bizzozeros Führung wollen wir unseren vermögenden Privatkunden das moderne, konsequent international ausgerichtete Private Wealth Management stärker zugänglich machen." Ein Hinweis darauf, dass Deutschlands größter Finanzkonzern in seinem südlichen Nachbarland zu neuen Ufern aufbrechen will. Neben dem Private Wealth Management bietet die Deutsche Bank in der Schweiz das ganze Spektrum einer internationalen Firmenkunden- und Investmentbank, und für institutionelle Anleger gibt es eine Asset-Management-Division sowie eine Anlagefondsgesellschaft.

Mit Marco Bizzozero hat Pierre de Weck einen Gewährsmann inthronisiert – schließlich arbeiteten die beiden schon früher bei der UBS in London im Private-Equity-Bereich zusammen. Von dort wechselte de Weck, der bei der UBS nie wirklich glücklich geworden war, im Jahr 2002 zur Deutschen Bank nach Frankfurt. Zwei Jahre später folgte Bizzozero dem Lockruf und heuerte bei der Deutschen Bank in Zürich an, wo er mit dem Aufbau einer Private-Equity-Plattform für vermögende Privatkunden und institutionelle Investoren betraut wurde. Das war sein Gesellenstück – fünf Jahre später winkte der CEO-Posten.

Das Geschäft in St. Moritz sei sehr gut angelaufen, sagt der CEO

Auf den neuen Chef warten noch einige heikle Aufgaben. Nachdem die Integration der Zürcher Traditionsbank Rüd Blass in den letzten Jahren eher harzig verlief, will man es nun mit der Privatbank Sal. Oppenheim besser machen. Die Marke soll bestehen bleiben, mehr will die neue Besitzerin offiziell nicht sagen, solange die Übernahme noch nicht ganz unter Dach und Fach ist. Ein offenes Geheimnis ist, dass die Reorganisation des Geldhauses aufgrund der chaotischen Verhältnisse, welche die früheren Eigner hinterlassen haben, nur langsam vorankommt.

Flexibilität kann auch bedeuten, der hiesigen Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein. Als der St. Moritzer Kurdirektor Hanspeter Danuser Ende Oktober 2008 von seinem Amt zurücktrat, war die Swiss Connection der Deutschen Bank zur Stelle: Sie holte Danuser für ihr Private Banking, er solle sie, wie es offiziell hieß, "vor allem darin unterstützen, potenzielle Kunden mit den Bankberatern zusammenzubringen". Und da nur wenige Personen einen derart direkten Draht zum internationalen Winter-Jetset haben wie der Bündner, standen die einheimischen Banken verdattert in der Alpenlandschaft herum.

Seit einem Jahr hat der deutsche Konzern neben Zürich, Genf und Lugano auch ein Standbein in St. Moritz. Das Geschäft sei sehr gut angelaufen, sagt Marco Bizzozero. Es handle sich ausschließlich um versteuertes Geld.