Nach ihrer bemerkenswerten Rede vergangene Woche, die den Auftakt bildete zu einer neuen Veranstaltungsreihe des Theaters Basel und der ZEIT zur Zukunft der Schweiz, setzte sich Micheline Calmy-Rey zum Gespräch. Die deutsche Regierung hatte gerade die geklaute CD mit den Daten von Steuerflüchtlingen in der Schweiz gekauft. Auf die Frage, ob sie denn auch so eine CD kaufen würde, sagte sie: "Ja, die Frage stellt sich doch, weil ich Finanzministerin in Genf war. Und als Finanzministerin würde ich darüber stark nachdenken. Denn jeder Finanzminister kämpft gegen Steuerflucht, das ist normal, weil diese Steuern benützen wir, um den Staat, den Service public aufzubauen." Das Basler Publikum reagierte mit Heiterkeit, in der ersten Reihe aber, wo die Entourage der Bundesrätin Platz genommen hatte, wurde es unruhig. Man ahnte, dass der nächste Tag kein ruhiger werden würde. Denn man kennt die Regeln des Spiels.

Tatsächlich tauchte nur wenige Stunden später in den Onlineportalen blick.ch und 20minuten.ch der Satz der Bundesrätin auf. Allerdings ein bisschen anders: "Ich würde die Bankdaten kaufen." Die Reaktionen im Internet waren heftig und zahlreich, von "sofortigem Rücktritt" war die Rede. Das Außendepartement reagierte prompt und konnte das Zitat richtigstellen. Aber die Geschichte hatte die Runde gemacht, und sie war zu gut, um sie einfach liegen zu lassen. Es roch nach dem Schlimmsten, nach Landesverrat. Der Tages-Anzeiger befragte schnell ein paar Politiker. "Calmy-Rey hintertreibt die Interessen der Schweiz", sagte SVP-Präsident Toni Brunner. Sein Kollege bei der CVP, Christophe Darbellay, war mit den Adjektiven "himmeltraurig und inakzeptabel" zur Stelle. Für FDP-Mann Philipp Müller war "alles nur noch dumm". Und die Zeitung selbst sprach "von einem Rückenschuss in einer Zeit, da die Schweiz schon schwach genug ist".

Hallo, ist da wer?, fragt man sich immer öfter. Die Bundesrätin hatte sich zu einer hypothetischen Frage hypothetisch geäußert. Aber offenbar erträgt es in dieser Zeit, in der Politik und Medien immer enger zusammenrücken gegen alle Angriffe, die von außen kommen, keine Zwischentöne mehr. peer teuwsen