Auf meiner letzten Reise nach China wurde ich von einem hochrangigen Mitglied des Zentralkomitees der KP empfangen. Er begrüßte mich sehr freundlich und sagte: "Ihr Land, Frau Calmy-Rey, ist ein wunderschönes Land. Die Schweiz ist pittoresk. Die Landschaften sind schön, die Alpen hoch, Sie haben schöne Seen." Er erwähnte auch den Käse und die Schokolade. Ich fügte an, dass die Schweiz ja noch andere Seiten und Stärken habe. Ich sprach von der dynamischen und unternehmerischen Schweiz, der modernen Schweiz, dem Technologie-, Forschungs- und Wirtschaftsstandort, der im internationalen Wettbewerb besteht. In internationalen Rankings zu Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit nimmt die Schweiz Top-Positionen ein.

Wir sind auch der siebtgrößte Finanzplatz der Welt und genießen in der Außenpolitik eine verdiente Position als Vermittlerin – was die Beispiele von Georgien und Russland, Armenien und der Türkei beweisen. Im letzten Jahr hatten wir nicht nur Probleme, sondern erreichten auch große Erfolge, etwa in der Mediation zwischen der Türkei und Armenien. Und wir übernahmen die Präsidentschaft der 5. Kommission der UN-Generalversammlung. Das war kein Zufall, sondern es ist ein Verdienst unserer guten Diplomatie.

Trotzdem: Die Lage der Schweiz in der Welt hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten grundlegend verändert. Wir leben mehr und mehr in einer globalisierten Welt, das heißt, wir spüren zunehmend den Wind von außen. Manchmal war das in letzter Zeit auch ein steifer Gegenwind. Zwei Probleme waren da entscheidend: erstens die Finanzkrise, die in unserem Land namentlich auch eine UBS- und Bankgeheimnis-Krise war. Zweitens die Debatte um das Minarettverbot.

Ich komme zuerst zum Finanzplatz. Das UBS-Debakel und die Finanzkrise hatten Konsequenzen für die Schweiz. Ausgelöst wurde die internationale Krise im Sommer 2007. In den ersten Monaten konnten unsere Banken ihr Eigenkapital noch durch ausländische Beteiligungen erhöhen und erhielten private Kredite auf dem internationalen Markt. Ab dem ersten Quartal 2008, konfrontiert mit wachsenden Schwierigkeiten, begannen die Banken, den Staat zu Hilfe zu rufen. Und der Staat hat geholfen, nicht nur in der Schweiz. Das heißt: Die Steuerzahler haben die Banken gerettet. Es ging vor allem darum, negative Folgen für den ganzen Wirtschaftsstandort und den Verlust von Arbeitsplätzen zu verhindern.

Seit diesem Engagement wollen die Steuerzahler aber mehr Einfluss auf den Finanzplatz. Gleichzeitig verstärkt sich das Misstrauen gegenüber grundlegenden Mechanismen der Bankgeschäfte. Man stellt die Legitimität, Geld mit Geld zu machen, infrage. Die Krise löste also einen Diskurs über die Ethik des Geldes und eine Moralisierung des Bankgeschäfts aus. Geld wird gefürchtet, aber auch begehrt. Begehrt wegen der Macht, die es verleiht. Gerade deswegen wird es auch abgelehnt. Geld und dessen ungleiche Verteilung wird von vielen mit Ungerechtigkeit gleichgestellt. Es ist nicht erstaunlich, dass wir ein gespaltenes Verhältnis zum Geld haben.

In der Schweiz haben diese Diskussionen eine besondere Dimension, und zwar wegen des Bankgeheimnisses. Der Bundesrat hat im März 2009 seine Vorbehalte gegenüber dem Artikel 26 der OECD-Musterabkommen aufgehoben und die internationalen Standards der Zusammenarbeit in Steuerfragen übernommen. Dieser Entscheid war richtig, er war auch nötig. Unser bisheriges System der Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung wurde international nicht mehr verstanden.

Aber der Schritt hat verschiedene Auswirkungen. Die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der internationalen Standards in den Doppelbesteuerungsabkommen, die Probleme aus dem betrügerischen Verhalten verantwortungsloser Banker wirken sich auf unser Selbstverständnis aus. Die Kritik aus dem Ausland hat eine Desorientierung verursacht. Wir leben seither in einer Art Schock. Man könnte vielleicht sogar von einem nationalen Trauma sprechen.