Auf seinem Schreibtisch liegt ein Buch mit dem Titel In der Tiefe der Zisterne: Erfahrungen mit der Schwermut. Daneben steht eine leere Flasche ColaMix. Vom bequem gepolsterten Drehsessel des Therapeuten aus blickt man auf einen Hausaltar mit einer goldenen Jesus-Ikone und auf den Stuhl des Klienten. Hunderte haben hier schon gesessen im Laufe der Jahre, Pfarrer und Ordensleute, Diakone und Kindergärtner. Leise plätschert ein bodennaher Zimmerspringbrunnen. Bei Priestern in der Sinnkrise hat der Mann einen guten Ruf als erfahrener Therapeut, bei kritischen Köpfen in der Kirche gilt er als eine Hoffnung, als Verfechter einer theologisch reflektierten und doch menschenfreundlichen Sexualität. Ist der Zölibat schuld an den vielen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche? Der Therapeut hätte eine Menge zu sagen – und will heute doch lieber schweigen. Der Ruf, die Institution, die Vorgesetzten, man möge das bitte verstehen. Ein Mann in der Tiefe seiner Zisterne.

Aber ist das zu verstehen? Ist zu verstehen, was derzeit in der katholischen Kirche passiert? Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, der sich gleich nach seiner Wahl in einem Spiegel - Interview dafür starkmachte, den Zölibat zu überdenken, hat dem Spiegel diese Woche ein Interview zur womöglich größten Krise der hiesigen katholischen Kirche im Jahr 2010 verweigert: Der Ruf, die Institution, die Vorgesetzten, man möge das bitte verstehen. Der Jesuitenorden verspricht eine rasche Aufklärung der Missbrauchsfälle an inzwischen vier seiner führenden Schulen. Und delegiert dann die Ermittlungen an eine engagierte, aber letztlich einflusslose Mediatorin ohne Machtmittel in der Kirchenstruktur.

Wie werden Priester zu Tätern?

So zum Beispiel.

Der Therapeut an seinem Zimmerspringbrunnen, der Erzbischof in seiner falschen Vorsicht, eine Mediatorin, die vermitteln soll, wo es um ermitteln gehen müsste – es ist gerade das Versagen der Gutmeinenden, das so typisch ist für den Missbrauch: Auch sie tun sich schwer damit, das Ausmaß des Unrechts an sich heranzulassen. An der Einsicht der Gutmeinenden aber, nicht an den Halsstarrigen wird sich entscheiden, ob diesmal Aufklärung endlich gelingt.

Das zahlenmäßig größere Problem sind die Gelegenheitstäter

Noch wirken in Deutschland Verhältnisse wie in den USA, in Irland und Australien fern: Abertausende Fälle mit Abertausenden von Tätern über mehrere Jahrzehnte, gedeckt von einer Hierarchie, die ihr Schweigen für Gottesdienst an der Kirche, ihre Vertuschung für Nächstenliebe an den Tätern hielt, die allesamt Kollegen waren. Mag sein, dass das Ausmaß des Dramas hier geringer ist als in den USA, mag sein, dass der Katholizismus in der Bundesrepublik weniger mit jenem Geist von sexueller Repression aufgeladen gewesen ist, der dem Missbrauch Vorschub leistet. Es mag aber auch einen ganz einfachen anderen Grund dafür geben, dass viele innerhalb und außerhalb der Kirche das Unvorstellbare weiter für unvorstellbar halten: dass bisher niemand richtig hingeschaut hat.

Bis heute ist eine Annahme verbreitet, deren Verlässlichkeit durch den jüngsten Skandal schwer erschüttert ist: dass Missbrauch sich in der katholischen Kirche auf Einzelfälle beschränkt. Im Klerus, unter den Gläubigen in den Gemeinden, ja selbst bei den Kirchenberichterstattern in Zeitungen und Rundfunkanstalten (wo sie oft halbamtlichen Status haben) konkurrieren spätestens seit den jüngsten Erkenntnissen zwei Sichtweisen: Ist das Phänomen des Missbrauchs peripher oder zentral, ist es Verirrung, Abart, Höllensturz – oder kommt es aus der Mitte der Kirche und ihren Regeln? Ist der Zölibat schuld am Missbrauch?

In diesem Skandal wird jedenfalls erstmals eine Systematik sichtbar, die ihren Schrecken aus dem Zusammenhang von Taten zieht, die früher gerne als Einzelfälle wegerklärt wurden. Im Ringverfahren wurden notorisch bekannte Täter an immer neue Schulen und Jugendeinrichtungen verschoben. Bereits jetzt liest sich die aktuelle Deutschlandkarte des Missbrauchs wie ein Dokument des Hohns auf den Anspruch einer Kirche, die in alle Himmelsrichtungen wirken will: Es gab Missbrauch im Norden wie im Süden, in St. Ansgar in Hamburg wie in St. Blasien im Schwarzwald; im Westen wie im Osten, am Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg wie am Canisius-Kolleg in Berlin. Und das sind allein die Fälle, die in zehn Tagen in einem einzigen Orden bekannt wurden.

 

Der renommierte Psychologe und Therapeut Wunibald Müller sieht in einem Fachaufsatz das zahlenmäßig größte Problem bei den Gelegenheitstätern, nicht bei den unheilbaren Triebtätern. Angesichts der Skandale um die ins Kriminelle überbordene Sexualität von Geistlichen könnte man meinen, Müllers Bemühen richte sich darauf, die Mauern des Zölibats höher zu ziehen. Doch mehr Repression beschere nicht mehr Sicherheit, glaubt der Leiter des Recollectio-Hauses, das zur Benediktinerabtei Münsterschwarzach gehört. Küssen ist Beten heißt eines seiner Bücher, erschienen im katholischen Matthias-Grünewald-Verlag, Untertitel: Sexualität als Quelle der Spiritualität. Müller plädiert dafür, Priestern die Wahl zu lassen, ob sie zölibatär leben wollen. Solange aber der Zölibat verpflichtend gilt, müht Müller sich, Priestern zu helfen, ihr Versprechen der Ehelosigkeit zu halten. Man könnte sagen, er bringt Priestern bei, mit ihrer Sexualität umzugehen. "Wer Sexualität und Spiritualität zu Feinden macht", heißt einer seiner Lehrsätze, "der zerreißt das menschliche Herz." Und zerrissene Seelen gehen leichter irre.

Dabei zeichnen sich gerade junge Priesterkandidaten oft durch eine problematische Schärfe in der Abgrenzung zu allem Sexuellen aus, hat Franz Joseph Baur beobachtet, der als sogenannter Regens das Münchner Priesterseminar leitet. "Die Vorstellungen vom Zölibat sind oft jugendlich, unausgewachsen", sagt Baur über seine Erfahrungen mit Priesteranwärtern, "das muss dann eingeholt werden." Ein wenig mehr Milde im Umgang mit sich selbst wünscht er manchen seiner Zöglinge. Wer sich heute entschließt, zölibatär zu leben, ist in einer durchsexualisierten Welt von vornherein isoliert – ins Priesterseminar drängt es daher oft die Übereifrigen, denen der Sex als Sache des Teufels gilt.

Der Priester soll sich durch Verzicht verfügbar machen für Gott

Dabei gehört es zu den Widersprüchen der sexuellen Entsagung, dass sie am ehesten einhalten kann, wer sich seiner Sexualität bewusst ist. Aufgeklärte Geister wie Müller und Baur predigen den Zölibat darum nicht als Übung in Verdrängung, sondern als anspruchsvolle Form, Sexualität zu leben. Wer Sex so wichtig nimmt, seine Ausübung komplett zu untersagen – so die Annahme –, muss besonders gut über ihn Bescheid wissen. Und da fangen die Probleme an.

Die Idee des Zölibats als einer sehr speziellen Form der sexuellen Selbstverwirklichung ist nicht einfach zu verankern in einer Kirche, die traditionell alles Leibliche mit Misstrauen betrachtet. Müller unterscheidet dazu zwischen genitaler Sexualität, derer sich ein Priester zu enthalten hat, und emotionaler Sexualität. Wenn ein Priester darauf verzichtet, einen wesentlichen Teil seiner Person zu leben, eben die genitale Sexualität, hat er – so das Ideal – für die emotionale Seite besondere Kraft zur Verfügung. Hier treffen sich die theologische und die therapeutische Dimension: Der Priester soll sich durch den Verzicht auf eine Ehe in intensiverer Weise verfügbar machen für seine Beziehung zu Gott und zu seiner Gemeinde. "Frei und abenteuerlustig" könne das Leben im Zölibat sein, meint Regens Baur, aber eben auf das innere, geistige Abenteuer ausgerichtet. Den Zölibat versteht er als eine Kultur, "mit dem eigenen Mannsein umzugehen". Was aber, wenn sich die menschliche Sexualität als trickreicher herausstellt, als ihre Dompteure das vorhersehen? Wenn sie sich nicht kanalisieren lässt?

"My sexuality is a grey area", erklärte 1995 der zölibatär lebende anglikanische Erzbischof von York in England, als er in Verdacht geriet, schwul zu sein: Seine Sexualität sei eine Grauzone. Es war eine entwaffnend ehrliche Antwort zum Unwissen über die eigene Orientierung.

Und doch sind diese "grauen" Priester das Problem. Sowenig der Zölibat die manifesten Triebtäter anzieht (jedenfalls gibt es keine Zahlen, die das belegen), so attraktiv ist er für junge Männer, die sich sexuell ein Rätsel sind. Unter dem Dach der Kirche, so hoffen nicht wenige, können sie sich des lästigen Themas ihrer Entwicklungsstörung entledigen und erhalten im Austausch für den Vorsatz zur sexuellen Abstinenz Zuspruch, Status und ein festes Einkommen. Doch der Vorsatz unterschätzt die Kraft der eigenen Sexualität. Fehlen dann aufgeklärte Ausbilder wie Priesterseminarleiter Franz Joseph Baur oder Einrichtungen wie Müllers Recollectio-Haus – versäumen die "grauen" Priester also die Chance nachzureifen –, wird es schnell kritisch. Wer sexuell unreif ist – und es bleibt –, ist gefährdeter, zum Missbraucher zu werden. Einen schlecht verstandenen Zölibat trifft also durchaus Mitschuld am Missbrauch. Und der Zölibat ist ziemlich leicht misszuverstehen.