Neun Jahre lang besuchte Martin Spiewak, heute Redakteur der ZEIT, als Schüler das St.-Ansgar-Gymnasium in Hamburg. Von 1979 bis 1982 unterrichtete dort auch Wolfgang S., einer jener Jesuiten, denen nun Kindesmissbrauch oder Kindesmisshandlung vorgeworfen wird. Einige Jahre nach seinem Abitur reiste Spiewak noch einmal zu S. nach Chile, wo er an einem Sozialprojekt mitarbeitete. Mit Missbrauch hat er den Pater nie in Verbindung gebracht. Erst jetzt, im Laufe der Enthüllungen, suchte Spiewak wieder den Kontakt zu S., der nach wie vor in Chile lebt. Wolfgang S. war nur bereit, sich per Mail zu äußern. Unmittelbare Nachfragen waren nicht möglich. Wir haben uns dennoch entschieden, Fragen und Antworten zu drucken, weil sie Einblick in die Welt eines Mannes erlauben, der sich schuldig gemacht hat.

Die ZEIT: Herr S., Sie haben zugegeben, Schüler in teilweise verbrecherischer Weise missbraucht und gequält zu haben. Was genau haben Sie getan?

S.: Ich habe Kinder und Jugendliche aus meinem Tätigkeitsumkreis geschlagen, und zwar auf das bekleidete oder nackte Hinterteil, von ein paar wenig schmerzhaften Klapsen, sozusagen im Vorübergehen (vor allem bei Kindern), bis hin zu ausgefeilten, sehr schmerzhaften und traumatischen Bestrafungsritualen (ausschließlich bei Heranwachsenden und Jugendlichen bis hin zu Abiturienten). Auf diese Art von brutalen Misshandlungen Abhängiger beziehe ich mich, wenn ich von Missbrauch und Quälen spreche. In den meisten Fällen erfolgten die Schläge mit der Hand, doch habe ich gelegentlich auch Riemen und andere Hilfsmittel benutzt. Ob die "Bestrafungen" auf den nackten oder den bekleideten Hintern appliziert wurden, hing von sehr verschiedenen Umständen ab (Ort, verfügbare Zeit, Bereitschaft des Opfers, sich auf den nackten Hintern schlagen zu lassen…). Als Zeiträume häufigerer und intensiverer Bestrafungen sind die Perioden meiner Lehrertätigkeit an deutschen Jesuitenkollegien (Berlin, Hamburg, St. Blasien) zu nennen, die insgesamt die Jahre von 1969 bis 1984 umfassen. Wenn jemand sich – trotz meiner Überredungsversuche – weigerte, eine Bestrafung zu akzeptieren, geschah nichts.

ZEIT: Gab es ein bestimmtes Opferprofil? Wie alt waren die Kinder? Betraf es nur Jungen oder auch Mädchen?

S.: Die Frage nach einem Profil meiner Opfer habe ich mir nie gestellt. Was das Alter angeht, handelte es sich in den ersten Jahren fast ausschließlich um 10- bis 12-jährige Kinder; später verschob sich der Schwerpunkt auf 14- bis 16-jährige Heranwachsende. Die Betroffenen waren fast ausschließlich Jungen. Das lag an den Umständen: Es gab zu wenig Mädchen in meiner "pädagogischen" Umgebung (die Schulen stellten erst im Lauf der Jahre auf Koedukation um).

ZEIT: Wofür haben Sie die Kinder auf so brutale Weise bestraft? Was haben Sie dabei empfunden? Waren Sie krank? Und können Sie sich vorstellen, dass die Betroffenen auch nach so langer Zeit seelisch tief verletzt, teilweise sogar krank sind?

S.: Ich litt an einer später diagnostizierten narzisstischen Persönlichkeitsstörung, eine psychische Erkrankung war eindeutig vorhanden. Bewusst wurde mir diese Tatsache erst nach und nach, sodass ich begann, Hilfe zu suchen. Dabei hat sich der Orden in beispielhafter Weise für mich engagiert. Gleichzeitig haben die Ordensverantwortlichen jedoch versäumt, mich parallel zur anlaufenden Therapie aus jedem pädagogischen Kontext zu verbannen. Das erklärt das "immer weitermachen". Von traumatischen Langzeitfolgen, die offensichtlich einige meiner Opfer davongetragen haben, habe ich persönlich keine Kenntnis. Jedoch halte ich die Quellen, die das behaupten, für vertrauenswürdig. Für das "Schlimmste" im Zusammenhang mit meinen Vergehen – wenn man hier überhaupt eine Rangordnung aufstellen kann – halte ich den Vertrauensbruch. Dennoch möchte ich klarstellen, dass ich bei meinen Vergehen nie sexuelle Erregung gesucht oder empfunden habe. Dass ich zu keiner Zeit meines Lebens mit Minderjährigen Sexualkontakt im Sinne von Genitalberührungen, Penetration, Vergewaltigung, Exhibitionismus oder Voyeurismus gehabt habe. Ich kann aber nicht ausschließen, dass sich manche meiner Opfer auch sexuell missbraucht gefühlt haben bzw. sich im Nachhinein sexuell missbraucht fühlen.