"Warum gerade Burgmüller?", klagte Robert Schumann in der Neuen Zeitschrift für Musik. "Anstatt dass das Schicksal einmal in jenen Mittelmäßigkeiten decimieren sollte, wie sie scharenweise herumlagern, nimmt es uns die besten Feldherrentalente selbst weg." Er schrieb dies zum Tod des Komponisten Norbert Burgmüller, der nur 26 Jahre alt wurde. 1836 ertrank er in einem Aachener Thermalbad, wahrscheinlich während eines epileptischen Anfalls. Auch wenn es wohl kein Selbstmord war, wie gelegentlich vermutet, bleibt dieser frühe Tod doch das traurige Schlusskapitel eines von Depressionen, beruflichen Misserfolgen und menschlichen Tiefschlägen geprägten allzu kurzen Lebens. Der im selben Jahr 1810 geborene Schumann, wäre er so früh gestorben, hätte der Nachwelt lediglich einige Klavierwerke hinterlassen, keine Sinfonie, keine Kammermusik, kein Klavierkonzert, keine Lieder.

So betrachtet, ist Burgmüllers künstlerische Hinterlassenschaft gar nicht so schmal. Es findet sich Vielversprechendes, ja Hochkarätiges darunter. Das vierte Streichquartett von 1835 etwa oder auch die jetzt von Frieder Bernius und seiner Hofkapelle Stuttgart mit farbiger Originalklang-Brillanz eingespielten beiden Sinfonien. Die erste nannte der keineswegs unkritische Schumann nach einer Aufführung im Leipziger Gewandhaus "beinahe das bedeutendste, nobelste Werk im Sinfoniefach, das in jüngerer Zeit hervorgebracht". Verblüffend und in seiner Prägnanz bereits auf den frühen Bruckner verweisend, klingt das Scherzo. Und intensiver als der junge Schubert oder Mendelssohn lässt Burgmüller in der dunkel grundierten Einleitung des Kopfsatzes auch im Finale die nachtschwarzen Seiten der Frühromantik aufscheinen.

Genau die scheinen Frieder Bernius besonders zu interessieren. Man muss nicht so weit gehen wie Schumann, der hier Todesahnungen hören wollte. Doch das ungute Gefühl des Gehetzten und unheimlich Getriebenen hinterlässt dieses Finale tatsächlich. Ein Eindruck, den Bernius’ unruhig pulsierende, furiose, von grellen Bläsereinwürfen bestimmte Gangart noch verstärkt. Mag sein, dass die Zechgelage, die Burgmüller in Düsseldorf mit dem ähnlich vom Leben enttäuschten Dichter Christian Dietrich Grabbe absolvierte, nicht ganz so wüst waren wie gerne kolportiert, aber ein ausgeglichener Charakter war dieser Komponist nicht.

Darauf lässt auch die unvollendete zweite Symphonie schließen. Schumann vervollständigte 1851 das Scherzo, vom Finale existieren nur 58 Takte im Particell. Man darf das Werk einen kleinen Geniestreich nennen, qualitativ nicht weit von Schumanns eigenen Sinfonien entfernt. Auch hier überwiegen die dunklen Farben. Wie eine Gewitterfront mit jagenden schwarzen Wolken zieht der Kopfsatz vorüber, eine gespenstische Szenerie, von gellenden Holzbläsermotiven immer wieder taghell durchzuckt. Auch das mit einer traumhaft schönen Oboenkantilene anhebende Andante lässt Burgmüller letztlich im trüben Grau versinken. So überzeugend und unheimlich wie von diesem 25-jährigen Frühvollendeten sind die Schattenseiten der Romantik selten besungen worden – und Frieder Bernius bringt sie grandios zum Klingen. E.T.A. Hoffmann müsste diese Musik gefallen haben.