"In der Branche wächst der Druck gewaltig", sagt Ulrich Dalibor, der bei ver.di für den gesamten Einzelhandel zuständig ist. Es würden einerseits immer neue Märkte eröffnet, die Flächen vergrößert und die Öffnungszeiten verlängert. Andererseits stagnierten die Umsätze, und die Preise gäben nach. "Eine gefährliche Kombination", so Dalibor. Viele Marktleiter geraten in eine ausweglose Lage. Nach der Erfahrung von Rechtsanwalt Thümer können sie entweder die Vorgaben erfüllen oder die Gesetze einhalten, "beides zugleich ist nicht zu schaffen".

Schon heute zählt der Einzelhandel zu jenen Branchen mit den meisten prekären Arbeitsplätzen. Die Mitarbeiter in diesen Jobs, auch "atypisch Beschäftigte" genannt, sind nur ausgeliehen, haben lediglich einen befristeten Vertrag oder einen Minijob. Fast 1,2 Millionen Menschen arbeiten im Handel zu diesen Konditionen, was meistens bedeutet, dass sie sich mit Niedriglöhnen abfinden müssen. "Atypisch Beschäftigte verdienen im Schnitt ein Drittel weniger als normale Beschäftigte", stellte das Statistische Bundesamt fest.

Die Preis-Lohn-Spirale nach unten vermag die Branche selbst nicht zu stoppen. "Wir sind sicherlich couragiert, aber nicht verrückt", sagt Rewe-Chef Caparros, wenn er zu seiner eigenen Billigaktion befragt wird. Unbeirrt plädiert er trotzdem dafür, die Preissenkungsmaschine anzuhalten, "um gerecht bezahltes und qualifiziertes Personal, fair gehandelte Ware und verlässliche Qualitätssicherung" garantieren zu können. Auch Metro-Chef Eckhard Cordes findet, dass der Preiskampf "sinnlos ist". Weil alle nachzögen, sobald einer die Preise senke, könne niemand Marktanteile gewinnen: "Dieser Zusammenhang müsste allen Beteiligten klar sein."

Selbst wenn das so wäre, hätten alle ein Problem: das Kartellamt. Gerade erst durchsuchte es 15 Unternehmen wegen des Verdachts der Preisabsprachen. Die sind in Deutschland streng verboten. Bliebe also nur die Hilfe aus der Politik. Dort debattiert man schon seit Langem über die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes, um gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Nach dem Fall Schlecker dürfte außerdem die Neuregelung der Zeitarbeit auf die politische Agenda rücken.

Der Handelsverband Deutschland, in dem die Branche organisiert ist, lehnt beides allerdings strikt ab. Die Pläne der Politik hält Hauptgeschäftsführer Stefan Genth für "blinden Aktionismus".