Mit großen, fast biblischen Worten beginnt die Geschichte. "Ich habe einen Menschen gefunden", heißt es da, staunend und erschüttert. "Ich habe einen Menschen gefunden, einen großen, über alle Begriffe genialen Menschen." Das schrieb der Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe, nachdem er auf die Werke eines Malers gestoßen war, der ihn elektrisierte und alles andere vergessen, ja fast verachten ließ: El Greco. "Ein Mann aus der Gegend Rembrandts und uns so nahe wie ein Zeitgenosse."

Dieser Zeitgenosse, vor fast 400 Jahren verstorben, ist nun in Brüssel zu bestaunen, in einer großen Ausstellung im Palais des Beaux-Arts. Über 40 Gemälde des Meisters sind hier versammelt, dazu Arbeiten seiner Assistenten und Nachfolger, viele aus dem für längere Zeit geschlossenen Greco-Museum von Toledo . Ein Höchstgenuss fürs Auge, ein Triumph der Malkunst: Gelbgraue Gesichter, rosafarbene Schatten, Gewänder, die aus flüssiger Lava zu sein scheinen, derart vulkanisch vibrierend ist die Malerei El Grecos.

Schon die Expressionisten berauschten sich an seinen Bildern

Selbst der berühmte dreizehnteilige Zyklus der Apostel aus dem Spätwerk ist nun in Brüssel zu sehen, als Finale furioso der Schau. Im letzten, besonders schmalen Saal des Rundgangs hängen die Bilder einander gegenüber und fügen sich gleichsam zum Spalier, durch das der Besucher in seiner jämmerlichen Alltäglichkeit hindurchmuss: Spießrutenlauf durch ein zitterndes, funkelndes, dröhnendes Jenseits. Nicht mehr von dieser Welt zu sein, das ist der dominierende Wesenszug all jener Schauplätze und Gestalten, die El Greco in seinen späten Gemälden zeigt. Hier, in diesem Saal, kann dem niemand entkommen.

Neben der intensiven Farbigkeit seiner Gemälde, die weit ins Irrationale hinüberreicht, ist es vor allem die Figurensprache El Grecos, die uns noch heute fasziniert und irritiert. Weil sie in ihrer antinaturalistischen, antiakademischen Geschraubtheit so entfesselt und frei anmutet und die Verzerrung der Form von höchster Erregung zu erzählen scheint. Selbst die Finger des Paulus züngeln wie Flammen.

Dass El Greco noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als verrückt verlacht, wenn nicht gar als "entartet" verhöhnt wurde, kann kaum überraschen. Erst mit Meier-Graefe änderte sich durchgreifend der Blick auf den seltsamen Meister. Ausführlich schildert er sein Erweckungserlebnis im Prado in einem Buch, das vor genau hundert Jahren erstmals erschien und umgehend zum Bestseller avancierte. Mit der Spanischen Reise wurde El Greco wie ein neuer, unbekannter Kontinent entdeckt. Erst die Worte des begeisterten Kritikers verhalfen den Bildern zu Ruhm und Bedeutung. Viele Zeitgenossen sahen nun den Künstler mit Meier-Graefes Augen: als Maler innerer Gesichte und fiebriger Erregung.

Wenn er beileibe auch nicht der Erste war, der sich über El Greco äußerte, so hat doch erst dieser Kunstschriftsteller die Fama des Künstlers als Outsider und Hexenmeister, als Ausdrucks- und Nervenkünstler nachhaltig geprägt. Er hat ihn, insofern, tatsächlich entdeckt – auch für die junge deutsche Kunstwissenschaft, die bald eine führende Rolle in der Erforschung dieses Manieristen, des Manierismus überhaupt spielen sollte. Max Dvořáks eminente Abhandlung über El Greco, dessen Kunst er als Ausdruck der Glaubenskrise im späten 16. Jahrhundert interpretiert und in – verblüffende, verführerische – Parallele setzt zur krisenhaft erschütterten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, wo sich noch einmal der Geist gegen die Materie auflehnt, der Spiritualismus über Hedonismus und Positivismus triumphiert, wäre ohne Meier-Graefe nicht denkbar.

Seiner Suggestivkraft kann man sich noch heute kaum entziehen, auch wenn sich längst andere Lesarten El Grecos durchgesetzt haben. Zuletzt gewann er als pictor doctus immer deutlichere Konturen, seitdem man seine Notizen zu kunsttheoretischen Traktaten entdeckte, die ihn als Verfechter einer elaborierten, überaus artifiziellen Formensprache erscheinen lassen. Davon wollten die frühen Expressionisten nichts wissen. Sie verschlangen Meier-Graefes Spanische Reise und ließen sich entflammen. Franz Marc besonders, aber auch August Macke, Ludwig Meidner oder Max Beckmann fanden so zu El Greco. Sie haben sich, in den entscheidenden Jahren nach 1910, von seinen wie Irrlichter funkelnden Werken, von den giftigen Tönen seiner Aschermittwochsfarben, seinen wie Gespenster in den von Blitzen erhellten Nachthimmel hineinwachsenden Gestalten, vom erregten Pathos ihrer Gebärden und von den Schlangenlinien ihrer ausgemergelten Leiber berauschen und inspirieren lassen. Im Almanach des Blauen Reiters wird ihm ebenso Reverenz erwiesen wie auf der Kölner Sonderbund-Ausstellung von 1912. Dieses Zittern suchen wir, hatte schon Meier-Graefe angesichts der Werke El Grecos geschrieben.