Es sind gerade mal 30 Seiten, die ich in den Händen halte. Da schreibt einer von den Schwierigkeiten, den richtigen Menschen zu finden, von Einsamkeit und Alter, von erster Liebe und erstem Schmerz, vom Absturz und vom Aufgefangenwerden. Vom ganzen Leben in einem halben Sommer. Er schreibt es so, dass man lachen muss, obwohl es ziemlich traurig ist. Es ist nicht das große, konstruierte Drama, das hier stattfindet, es sind all die banalen, kleinen, traurigen, lustigen Geschichten, die Alltag bedeuten. Es sind 30 Seiten, auf denen viel mehr steht als in manch dickem Roman.

Ich habe gerade einen großen Film abgedreht und noch nicht mal mit dem Schnitt angefangen, ich bin müde und erschöpft, fühle mich einsam und niedergeschlagen – und ich habe Liebeskummer. Gerade jetzt möchte ich keinen neuen Film beginnen. Aber diese wenigen Seiten treffen mich mitten ins Herz, das alles kommt mir in diesem Moment so unglaublich vertraut vor, die Gefühle, die Figuren, der Ton. Es ist ein Drehbuchentwurf von Wolfgang Kohlhaase. Er trägt den etwas saloppen Titel Sommer vorm Balkon.

Im Frühling 2004 hatte mir die Dramaturgin Cooky Ziesche das Manuskript in die Hand gedrückt, mit herzlichen Grüßen des Autors. Wenige Tage später rufe ich Wolfgang Kohlhaase an und höre mich sagen, dass ich diesen Film unbedingt machen möchte, möglichst gleich, noch im Sommer dieses Jahres. So beginnt unsere erste gemeinsame Arbeit.

Wir waren uns bereits vorher einige Male begegnet und hatten einander versichert, dass wir gerne zusammen arbeiten würden. Wie man das eben so sagt, ehrlich, aber doch unverbindlich. Aber nun ist es wirklich so weit. Ich fahre zu Wolfgang und bin aufgeregt. Uns trennen über dreißig Jahre.

Ich bin mit seinen Geschichten aufgewachsen. Manche zielten auf die Jahre, in denen er noch ein Kind war, den Krieg, die Nazizeit, andere mitten in die Gegenwart: Ich war 19, Der nackte Mann auf dem Sportplatz, Solo Sunny, Der Aufenthalt. Filme, die Wolfgang geschrieben hat. Sie haben meine Sicht auf die Welt und das Kino nachdrücklich geprägt. Manche seiner wunderbaren Dialoge kann ich auswendig. Die Schlagersängerin Sunny schmeißt einen Liebhaber morgens mit den Worten raus: "Is’ ohne Frühstück." Und als er mault, fügt sie hinzu: "Is’ auch ohne Diskussion."

Die Kunst von Wolfgang ist Poesie in Kurzform. Pathos oder Sentimentalität sind ihm fremd. Er beschreibt komplizierte Dinge mit einfachen Worten. Seine Texte sind klar und direkt. In ihrer Lakonie treffen sie trotzdem mitten ins Herz. Das hat damit zu tun, dass er die Menschen und seine Figuren mit den Augen der Liebe betrachtet.

Regieanweisungen im klassischen Sinne kommen in Wolfgangs Drehbüchern nicht vor. Es gibt keine in Klammern gesetzten Einschübe vor Dialogsätzen, die die Gefühlslage der Figuren genauer erläutern. Dafür manchmal kleine, kommentierende Sätze von großer poetischer Genauigkeit. Wolfgang vertraut seinen Partnern – und dass sie genau lesen können.

 

82. Bild, Truck, Dämmerung
Die Türen der Kabine stehen offen. Nike und Ronald essen belegte Brote und trinken Cola dazu.
Ronald: Deine Stullen sind gut. Ist überhaupt schön, dass du mit bist. Sonst ist es manchmal sehr einsam.
Nike: Du sollst verheiratet sein und ein Kind haben?
Ronald: Wer erzählt denn so was?
Nike: Habe ich gehört.
Ronald lacht eine Weile künstlich, aber schließlich klingt es echt.
Ronald: Wenn es wahr wäre, würde ich es zugeben.
Nike: Du musst nicht lügen. Musst du nicht. Ich habe nichts mit dir vor.
Jedenfalls will sie glauben, dass es so ist.

Wie Nike am Ende dieser kleinen Szene aus Sommer vorm Balkon sagen Wolfgangs Figuren oft nicht, was sie meinen, manchmal genau das Gegenteil. Gerade wenn sie sich danach sehnen, geliebt zu werden. Sie verstecken ihre Verletzlichkeit hinter einer robusten, manchmal rauen Schale, die sie unverwundbar scheinen lässt. Sie lassen sich nicht so schnell in die Karten gucken. Das macht ihr Geheimnis aus und bringt sie uns nahe. Wer ist schon gerne verletzlich, möchte nicht geliebt werden?

Bricht die Fassade auf, schaut man zuweilen in tiefe Abgründe, manchmal – und zum Glück nicht zu selten – sind die kleinen Träume auch einfach nur komisch.

In unserer letzten Arbeit, Whisky mit Wodka, einer Geschichte aus dem Filmmilieu, blicken zwei gealterte Schauspieler auf die verpassten Chancen ihres Lebens zurück.

Bettina: Du wolltest nach Hollywood, weißt du noch?
Otto: Es war schwierig mit meinem Englisch.
Bettina: Aber du hattest ein Angebot.
Otto: Ich glaube, ich hätte Nazis und Juden spielen können.

Wolfgangs Humor ist direkt, aber nie verächtlich. Die Menschen versuchen, ihrem kleinen Leben die größtmögliche Würde abzugewinnen. Manchmal ziehen sie dabei die falschen Schlüsse. Der Taxifahrer Harry sagt in Solo Sunny: "Mensch, Sunny, bei der Kohle, die ich verdiene, kann ich doch nicht doof sein." Ronald, der Trucker, meint in Sommer vorm Balkon auf die Frage, was er denn in seinem großen Auto eigentlich transportiere: "Meistens Teppiche. Aber das füllt mich nicht aus. Nicht beruflich und auch nicht menschlich."

Kleine Menschen und ihre großen Träume. Bei Wolfgang ist das lustig, aber nie lächerlich. Er wirkt mit seinen 78 Jahren manchmal wie ein großer Junge, der sich gerade einen neuen Streich ausgedacht hat. Im Gespräch reibt er sich bisweilen die Hände an der Brust, so wie andere sich an der Stirn kratzen. Es ist eine unbewusste Geste, als wollte er sich im Gedankenflug seiner Körperlichkeit versichern, sich konzentrieren, ohne grüblerisch zu sein. So bleibt er im Nachdenken offen.

 

Es dauerte nicht lange, und Wolfgang hatte mich meine anfängliche Scheu vergessen lassen. Die gemeinsame Arbeit war wunderbar unkompliziert, wie Arbeit sein kann, wenn man die Sicht auf Welt und Menschen teilt. Es geht darum, eine Sache so gut wie möglich zu machen, da ist Wolfgang pragmatisch und vollkommen uneitel. "Dramaturgie ist ein System von Regeln gegen die permanente Bereitschaft eines Publikums, sich zu langweilen", sagt er. Sätze wie dieser bringen einen in Versuchung, ständig mitzuschreiben.

Wolfgang hat ein unglaubliches Gedächtnis für besondere Dialoge, besondere Geschichten. Manchmal scheinen sie Jahrzehnte aufbewahrt worden zu sein, bis er die passende Szene für sie gefunden hat. Er ist voller Anekdoten. Bei einer mehrstündigen Bahnfahrt mit ihm reist man außer von einem Ort zum anderen auch noch durch Zeiten, zu Menschen und erstaunlichen Begebenheiten. Und immer sind sie rührend, meist auch zum Lachen. 

Auch über ihn selbst gibt es viele Geschichten. Einmal soll er ins Defa-Studio gekommen sein, mit einer Blume am Revers. Jemand flachste: "Na, Wolfgang, biste jetzt schwul geworden?" Wolfgang antwortete: "Halb Berlin weeß et besser."

Jede Art von Künstlerattitüde ist ihm fremd, intellektuelle Phrasendrescherei sowieso. Seine Kunst hat immer etwas mit Partnerschaft, Freundschaft zu tun. Wolfgang trifft sich nicht nur mit Menschen, um mit ihnen zu arbeiten. Er möchte mit ihnen das Leben teilen. Er ist treu. Gerhard Klein, Konrad Wolf, Frank Beyer hießen einige seiner wichtigsten Weggefährten.

In Whisky mit Wodka wird der Regisseur von einem Bühnenarbeiter gefragt, was denn nun eigentlich die Botschaft seines Drehbuchs wäre. Wolfgang lässt ihn antworten: "Die Botschaft, wie Sie es meinen, gibt es vielleicht nicht. Man macht einen Film ja nicht, weil man Bescheid weiß, sondern um etwas zu entdecken. Film ist Vermutung, verstehen Sie? Es geht um immer neue Bilder für die Dinge, die sich immer wiederholen. Wie soll ich es ausdrücken? Die großen Phänomene. Die Liebe, der Tod und das Wetter."

"Ein Drehbuch schreiben ist das Notieren einer Geschichte zum Zwecke ihrer Verfilmung", sagt Wolfgang Kohlhaase. So einfach ist das. Und doch so schwer.

Andreas Dresen, geboren 1963, ist deutscher Filmregisseur. Zu seinen letzten Werken gehört der preisgekrönte Film "Wolke 9" (2008)