Die FDP steckt in einer Krise, die Parteiführung begeht viele taktische Fehler. Da liegt es nahe, zu denken, dass die Fehler die Ursache der Krise sind und dass die Krise endet, sobald die Fehler unterbleiben.

Abgesehen davon denken viele Menschen in Deutschland wohl, dass eine Krise der FDP nur das ist, was eine Karrieristen- und Klientelpartei ohnehin verdient. Für sie ist nicht begründungspflichtig, dass es den Liberalen schlecht geht, sondern dass es ihnen ab und an gut geht.

Hier soll etwas anderes plausibel gemacht werden: dass nämlich der Liberalismus insgesamt in einer geistig-politischen, auch in einer moralischen Krise steckt; und dass die Art, wie die FDP ihren Liberalismus im Moment handhabt, immer wieder zu strategischen Fehlern führen wird.

Vertrauen in das Individuum, Skepsis gegenüber dem Staat, Freiheit vor Sicherheit, damit ist in immer noch gültigen Schlagworten umschrieben, was liberal gesonnene Bürger seit mehr als zwei Jahrhunderten eint. Liberalismus, das vergisst man leicht, ist eine große Sache. Doch wer so denkt, wer daran glaubt, den müssten die vergangenen zehn Jahre ungeheuer aufgewühlt haben.

Mit dem Internet ist eine zweite, virtuelle Welt von rasant wachsender Bedeutung entstanden, in der die freie Betätigung der Individuen zu massenhafter Anarchie führt, der Rechtsstaat gilt hier nicht wirklich, er läuft nur gelegentlich Patrouille. Gleichzeitig bilden sich mit Google oder Apple übermächtige Oligopole. Deren Fähigkeit, die Menschen zu überwachen, zu bevormunden und zu manipulieren, übertrifft oft schon jetzt die entsprechenden Möglichkeiten von Staaten, jedenfalls von demokratischen. Bürgerliche Rechte wie das Urheberrecht werden mit Füßen getreten.

Mit der Klimakatastrophe hat ein Thema existenzielle Bedeutung erlangt, das sich den gewöhnlichen Schemata liberalen Denkens widersetzt. Schließlich ist die Erwärmung der Erdatmosphäre gewiss keine Nebenfolge überbordenden staatlichen Handelns, sondern – im Gegenteil – ungewollte Nebenwirkung individuellen Konsum- und Wirtschaftsverhaltens. Ohne ein deutliches Mehr an staatlichem Regeln und staatlicher Steuerung ist dieser Gefahr kaum beizukommen.

Ein deregulierter, freier, globaler Finanzmarkt hat die ganze Welt von einer Stunde auf die andere in die Nähe des wirtschaftlichen Abgrunds geführt. Nur mit äußerster Anstrengung ist es den Regierungen der gottlob noch einigermaßen starken Staaten gelungen, das Schlimmste zu verhindern.