Dass die älteste Sporttrophäe der Welt nur Sieger oder Verlierer kennt, das lernte zu ihrer Zeit schon Queen Victoria. Die US-Jacht America besiegte die britische Konkurrenz im Rennen um die Isle of Wight 1851 mit derart deutlichem Vorsprung, dass die Königin auf die Frage, wer denn Zweiter sei, die Antwort erhielt: "Eure Majestät, es gibt keinen Zweiten."

Seither hat der America’s Cup, das prestigeträchtigste Regattarennen der Segelwelt, jede Menge Geschichten von Männern hervorgebracht, deren Vermögen nur von ihrem Ego übertroffen wurde. Der Cup hat Männer zu Legenden gemacht wie den Teebaron Thomas Lipton, den Medienzar Ted Turner oder Harold Vanderbilt, den Spross einer Schiffs- und Eisenbahndynastie. Die Anekdoten erinnern an Sandkastengeschichten kleiner Jungs, die ihre Spielzeugautos um die Wette fahren lassen. Nur spielen die großen Jungs mit hochgerüsteten Segelbooten.

Insofern scheint das, was sich dieser Tage vor der Küste von Valencia abspielt, einfach ein weiteres Duell zweier Segelnarren zu sein, von denen einer am Ende eine 70 Zentimeter hohe kitschige Henkelkanne in die Luft recken darf. In den Hauptrollen: Titelverteidiger Alinghi von Ernesto Bertarelli und Herausforderer BMW Oracle Racing im Besitz von Larry Ellison, gesponsert vom Münchner Autobauer. Und doch übertrifft der 33. America’s Cup alle früheren Ausgaben in seiner Gigantomanie. Noch nie in der fast 160-jährigen Historie haben sich die Konkurrenten schon vor dem Rennen eine so erbitterte Schlacht geliefert – vor Gericht. Zweieinhalb Jahre währte der Streit vor dem zuständigen New Yorker Richter. Anfangs ging es um Ort und Termin der Austragung, später dann um Materialklauseln und Konstruktionsformeln. Um Taschenspielertricks und Kaffeesatzleserei. Vereinfacht gesagt, werfen die Amerikaner um Ellison dem Schweizer Konkurrenzteam vor, die Regeln, nach denen der Cup ausgetragen wird, vollständig kontrollieren zu wollen. Bertarelli kontert, Ellison sei nur aus Angst vor Gericht gegangen, es sonst nicht wieder ins Cup-Finale zu schaffen. Deshalb habe er so lange geklagt, bis alle Konkurrenten aus dem Wettbewerb gedrängt wurden und nur Alinghi und BMW Oracle übrig blieben.

Weil sich die beiden am Ende nicht einmal auf eine gemeinsame Bootsklasse einigen konnten, fühlten sich Designer und Konstrukteure auf beiden Seiten zu einem beispiellosen Wettrüsten ermutigt. Bis zu 80 Stundenkilometer erreichen die Monstermaschinen – Phallussymbole, gesteuert von den besten Seglern des Planeten. Schneller, größer und teurer wurde noch nie um die Trophäe gesegelt. Knapp eine halbe Milliarde Euro sollen die Duellanten in die Taschen ihrer Anwälte und in den Bau ihrer Boote gesteckt haben.

Aber es ist nicht bloß eine Schlacht um Materialien und Paragrafen. Im Grunde geht es um eine zerbrochene Männerfreundschaft, um verletzten Stolz und vor allem um die Ehre.

Lawrence Joseph Ellison, 65 Jahre alt, Gründer des Softwareimperiums Oracle, viertreichster Mann der Welt, trägt weiße Turnschuhe, Tennissocken, helle Hose und T-Shirt, als er in Valencia nach langer Funkstille spontan zum Gespräch empfängt. Jemand wie Ellison lässt sich keinen Zeitplan diktieren, schon gar nicht von Journalisten. "Sie haben fünf Minuten, ab jetzt", zischt die Pressefrau, noch bevor der Schreibblock gezückt ist. Larry, wie ihn alle nennen, hat kräftige Arme und einen festen Händedruck, das geliftete Gesicht ist bis auf die weißen Ränder unter den schmalen Augen gut gebräunt, wie bei Menschen, die auf der Sonnenbank eine Schutzbrille tragen. Er spricht langsam, und wenn er lacht, dann kurz und schrill. Er sagt, der America’s Cup sei der Gral des Segelsports und überhaupt die Trophäe, die am schwersten zu gewinnen sei. Er meint: die für ihn so schwer erreichbar ist. Zweimal ist er gescheitert, 2003 und 2007 in den Vorregatten ausgeschieden.