Suchen Sie eine Caféterrasse mit Ausblick? Ein Hotelzimmer oder eine Wohnung in angenehmer Umgebung? Sie möchten eine Veranstaltung, ein Geschäft oder Freunde besuchen und fragen sich: Wie sieht die Bushaltestelle aus? Könnte ich mich verlaufen? Gibt es unheimliche Ecken? Einen sicheren Radweg? Einen anständigen Blumenladen? Siehe da: Ein gelbes Männchen steht bereit, Ihnen zu helfen. Falls Sie in Frankreich suchen (oder in den Vereinigten Staaten und einigen anderen Ländern der Erde).

Das Männchen erscheint bei dem Internetdienst Google Maps. Seit mehr als einem Jahr macht es den Franzosen ihr Land zugänglicher: Wenn sie über Google Maps einen Ort aufrufen, und sei er auch nur ein etwas größeres Dorf, dann können sie die gelbe Figur beliebig auf der Karte platzieren, drehen und wenden – und der Bildschirm zeigt, was der Netzbesucher sehen würde, wäre er selbst das Männchen. Nicht als Video, wohlgemerkt, sondern als Rundumfoto, das er vergrößern und dessen Rahmen er verschieben kann. Die Fotos hat die Firma Google vor vielen Monaten selbst aufgenommen, mit Kamerawagen, die durchs Land fuhren.

Diese Funktion heißt Street View und ist ein Glücksfall für den Verbraucherschutz. Niemand ist mehr auf das angewiesen, was die Verfasser von Reiseprospekten und Annoncen behaupten. "Wer die Welt vernünftig anschaut, den schaut auch sie vernünftig an": Hegel hätte an Street View seine Freude gehabt. Die Technik verleiht dem Menschen mehr Souveränität, er kann informierter entscheiden, wohin er sich begibt.

Auch der Böse. Der Terrorist, Einbrecher, Kidnapper kann nun per Internet das Terrain sondieren. Nicht, dass er vorher keine Mittel dazu gehabt hätte. Aber man soll Verbrechern das Leben ja nicht noch erleichtern, weshalb, zum Beispiel, vor Kindergärten die Aufnahmewagen von Google nichts zu suchen haben. Drehte sich die deutsche Debatte bloß um derart praktische Fragen, wäre sie freilich schnell wieder zu Ende. Indes, es geht ums Eingemachte: Fotografierte Gemeinden wollen Geld, die Ministerin Ilse Aigner (CSU) will mehr Datenschutz, und in deutschen Feuilletons wurde argumentiert, Google sei eine Art Gottesauge geworden.

Was das Geld betrifft: Bis vor Kurzem wussten Kommunen noch, dass Medienpräsenz ihnen nützt. Französische Ferienorte jedenfalls, die Google Street View zeigt, sind im Vorteil. Logischer wäre es eigentlich, wenn die Firma von den Orten Geld nehmen würde, die sie präsentiert.

Ernster zu nehmen ist die Sorge um das Persönlichkeitsrecht. Nur sollte die Argumentation bitte genau bleiben. Wenn in der deutschen Debatte beispielsweise rhetorisch gefragt wird, wieso der Firma Google erlaubt sein solle, was dem Staat verwehrt ist, dann lautet die Antwort: Weil der Staat der Staat ist. Er hat Waffen, Polizisten, Gefängnisse. Er kann gefährlicher werden als jedes Unternehmen, und deshalb gelten für ihn stets schärfere Regeln.

Dennoch bleibt die Frage, was Google darf und was nicht. Seine Kameras speichern, juristisch gesprochen, "personenbezogene Daten", die zur automatischen Verarbeitung bestimmt sind, also gilt das Datenschutzrecht. Vor ihm sind nicht alle Daten gleich. Das Bild einer Hausfassade beispielsweise ist personenbezogen, sie gehört aber zum öffentlichen Raum. Hausnummern wiederum dienen dazu, dass Gebäude gefunden werden. Kein Problem. Was sich indes hinter Hecken und Zäunen abspielt, ist privat, weshalb Google von Rechts wegen seine Kamerastative auf Passantenhöhe einfahren müsste. Es gibt außerdem Daten, die der individuellen Begegnung zugehören, aber nur ihr: das Gesicht vor allem, aber auch das Kfz-Kennzeichen. Sie zählen mehr zur Individualsphäre als zum öffentlichen Raum. Google macht daher beide unkenntlich, und zwar automatisch. Das Verfahren ist dermaßen effektiv, dass schon das Haupt mancher Statue verwischt wurde. Hundertprozentig ist es nicht; von Google muss verlangt werden, dass auch signifikante Behinderungen oder andere auffällige Kennzeichen retuschiert werden, selbst wenn das nur manuell zu machen ist.