Die Verblüffung war groß, als Yannick Nézet-Séguin vor zwei Jahren bei den Salzburger Festspielen die Premiere von Charles Gounods Oper Roméo et Juliette leitete. Niemand kannte den aus Montreal stammenden Dirigenten, der zuvor noch nie eine größere Oper jenseits seiner Heimat auf die Bühne gebracht hatte. Die Salzburger Gounod-Produktion sollte ein einziger Laufsteg werden für das Sängertraumpaar Anna Netrebko und Rolando Villazón. Aber als die Netrebko absagen musste und die Inszenierung sich in Oberflächlichkeiten erschöpfte, war der franko-kanadische Dirigent plötzlich der große Gewinner des Abends, weil er das Stück am Pult des Salzburger Mozarteum-Orchesters ernster nahm als alle anderen und es souverän mit Leichtigkeit und Gefühlstiefe gleichermaßen ausstattete.

Yannick Nézet-Séguin ist 35 Jahre alt und hat in wenigen Jahren eine aberwitzige Blitzkarriere gemacht. Bis zu seinem 30. Lebensjahr hat er über den Tellerrand seiner Heimatstadt Montreal nicht hinausgeblickt. Er war dort ein jugendlicher Lokalmatador, mehr nicht. Nézet-Séguin kam zum Dirigieren, als er im Teenageralter begann, einen katholischen Kirchenchor zu leiten. Er studierte am Konservatorium, wurde mit 22 Jahren Chorleiter und Assistenzdirigent an der Oper von Montreal und übernahm mit 24 Jahren das zweite Orchester der Stadt, das Orchestre Métropolitain du Grand Montréal. Schnell, aber ganz normal und folgerichtig sei er zu einem Dirigenten herangereift, sagt Nézet-Séguin. Bis er sich plötzlich in der Rolle des überall gefragten Jungstars wiederfand.

Mit dem Salzburger Auftritt (dem einige kleinere Gastspiele bei Orchestern in Europa und ein Vertragsabschluss bei Askonas Holt, einer der großen Klassikkünstleragenturen, vorausgingen) hat sich Nézet-Séguins Musikerleben explosionsartig geändert. Er übernahm das Philharmonische Orchester von Rotterdam, hat soeben eine Carmen-Premiere an der New Yorker Met geleitet und sein Debüt bei den Wiener Philharmonikern gegeben. In der kommenden Saison gastiert er bei nahezu allen wichtigen Orchestern, von den Berliner Philharmonikern bis zum Chicago Symphony Orchestra, von der Mailänder Scala bis zur Londoner Covent Garden Opera. "Speed dating" nennt Nézet-Séguin diese Weltantrittstournee – etwas, was man auf Dauer unmöglich aushalte. Eigentlich sei er ein Musiker, der Kontinuität schätze und sich lieber auf ein paar wenige Orte konzentriere, um in Ruhe zu arbeiten.

Aber der Klassikmarkt giert nach jungen Gesichtern, sie sind zu einem gefragten Wert an sich geworden. Der Betrieb braucht sie, um vom Image des Gediegenen und Seniorenhaften wegzukommen. Im Dortmunder Konzerthaus, wo Nézet-Séguin gerade ein Konzert gab, blicken sie von meterhohen Porträts im Foyer herab: Gustavo Dudamel, Hélène Grimaud, Lang Lang und all die anderen. Nézet-Séguin gehört jetzt dazu.