ZEITmagazin: Ist dieser Schicksalsschlag etwas, das Ihr Leben in zwei Hälften teilt?

Suter: Ja, ja. Ich war ein ziemliches Glückskind. Es ist mir nicht alles, aber doch vieles gelungen. Der Tod meines Sohnes war ein Schlag aus dem Hinterhalt. Es wird nie wieder so sein wie früher. Ich glaube nicht, dass man das verwinden kann. Es bleibt eine offene Wunde, an die man sich vielleicht gewöhnt, die aber nie verheilen wird. Ich kann zwar wieder lachen, und es gibt Momente, in denen ich mich unbeschwert fühle, aber sie sind kurz. Es ist ein Wendepunkt, aber ich weiß nicht, ob es ein Wendepunkt ist wie in einer literarischen Struktur, der irgendwo hinführt. Ich weigere mich auch, einen Nutzen daraus zu ziehen, es soll mir oder meiner persönlichen Entwicklung in keiner Weise helfen. Ich will dem keinen Sinn geben. So fühle ich jetzt, und ich glaube nicht, dass das weggeht.

ZEITmagazin: Würden Sie sagen, da gibt es keine Rettung?

Suter: Es gibt eine Rettung: Wir haben eine kleine Tochter, die mich und meine Frau weiterhin auf Trab hält. Die hat einen anderen Umgang damit. Sie ist auch dreieinhalb, wie ihr Bruder. Sie bezieht ihn in alle ihre Spiele ein, er lebt für sie weiter. Wir wohnen ja an drei Orten, und überall steht sein Bettchen noch. Aber im Hotel in den Winterferien war es weg. Das konnte sie nicht ganz verstehen. Das ist eine ganz andere Art, damit umzugehen – und ich weiß nicht, ob das uns hilft oder es schwerer macht, auf alle Fälle hindert es uns daran, ihn aus dem Leben zu verdrängen. Er ist immer da.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold