Es gibt mehrere gute Gründe, nach Pirna zu ziehen: zwei Bierdeckel, zwei Luftballons, Schlüsselanhänger, Quietscheente, Postkarten und ein Tütchen Sonnenblumensamen. Dazu der Gutschein für einmalig kostenlosen Eintritt ins "Paradies der Sinne", die Schwimmhalle Geibeltbad, ausgezeichnet mit dem Architekturpreis des Internationalen Olympischen Komitees. Diese Belohnung findet sich im Begrüßungspaket der "Stadt zur Sächsischen Schweiz". Das erhält, wer seinen Hauptwohnsitz nach Pirna verlegt. Warum eigentlich?

"Damits vom ersten Tag an gut läuft", schreiben die Wasserwerke der Stadt.

"Das ist Werbung und nette Geste in einem", sagt Sabine Schlechtiger im Pirnaer Rathaus.

Das Stadtflair aus der Tüte, ein erster Gruß am Anfang des neuen Lebens, das Werbegeschenk zur Bürgerbindung: Sachsens Kommunen haben für ihre Einwohnerakquise die Gratiskultur entdeckt. In Zeiten, da Menschen fürs Prädikat "Kostenlos" schier alles zu geben bereit sind, wird der Bürger zum Kunden, also König. Das Begrüßungspaket setzt sich durch als kleines Lockmittel. Der Zweck ist heilig: Denn neue Einwohner bringen Geld. Der Freistaat versilbert jeden Zugezogenen, dafür sorgt der kommunale Finanzausgleich. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Menschen in einer Stadt leben, desto mehr Zuschüsse zahlt das Land. Mehrere Hundert Euro pro Jahr und Kopf machen einen Unterschied. Wo vorerst alles eingemeindet ist, Zweitwohnsitzsteuern nichts mehr bringen und selbst das Theater kein Zuzugsargument ist, zählen vielleicht noch Couponhefte und das wohlige Gefühl, willkommen zu sein. Vielen Dank, dass Sie sich für Pirna entschieden haben. Sie werden es nicht bereuen. Und erzählen Sie bitte weiter, wie nett wir zu Ihnen sind!

Die Bevölkerungsdichte im Osten wird um weitere 20 Prozent sinken

Vielleicht aber sollte der nächste Umzug doch lieber nach Plauen führen. Das bringt immerhin eine 45-minütige Rathausturmführung ein: die Spitzenstadt von ihrer Spitze aus zu bewundern, aus 42,4 Meter Höhe! Schauen Sie auf Plauen herab, und das ganz umsonst.

Crimmitschau, Eishockeystadt an der Grenze zu Thüringen, lockt derweil mit Flatrate-Angeboten: Wer hinzieht, darf zur Belohnung das Erlebnisbad Mannichswalde ein Jahr lang zum halben Preis nutzen. Die Büchereigebühren in diesem Zeitraum übernimmt die Stadtkasse auch noch. Denn Neubürger sind hier Besitzer des "Willkommen-Tickets", mit Passfoto auf Pappausweis, und genießen eine Reihe geldwerter Vorteile.

Sogar die Landeshauptstadt, neben Leipzig als einzige sächsische Kommune von Abwanderungsproblemen bisher noch am ehesten verschont, verschenkt gelbe Tüten mit gefühliger Botschaft: "Schön, dass Sie jetzt in Dresden zu Hause sind." Darin, natürlich, ein Couponheft: Eintrittskarten fürs Theaterhaus Rudi und drei Gutscheine für die Kreuzchorvesper. Eine Woche Straßenbahnfahren kostenlos. Einmalig 25 Prozent Ermäßigung für Philharmoniekonzerte. Bei Vorlage eines Gutscheins gilt: Einer zahlt, zwei erleben das "Abenteuer Dresdner Zoo".

Das sind nur Aufmerksamkeiten, mehr nicht. Nicht besonders kreativ. Aber Kleinigkeiten, die sich verdichten sollen zum Gefühl: Meine Stadt bietet mehr. Ich geh nicht fort. Die tun was.