Alle reden über Axolotl Roadkill. Geschrieben von der 17-jährigen Helene Hegemann, zeichnet sich der Roman durch zwei Eigenschaften aus: durch exzessive Sex- und Drogenerfahrungen zum einen und durch einen intellektuellen Reflexionskommentar zum anderen, der schon fast etwas Edition-Suhrkamphaftes hat. Das eine ohne das andere wäre vermutlich entweder als krude oder als altklug empfunden worden. Aber so, als empirisch-reflexiver Zweikomponentenkleber, ist Axolotl Roadkill wirklich ein erstaunliches Buch, weil es Erfahrung und ihre Deutung in eins setzt. Das ist, grob gesprochen, auch das Bild, das von der Autorin in der Öffentlichkeit umgeht: eine Kreuzung aus Wunderkind und Drogenjunkie.

Das genaue Mischungsverhältnis wird man jetzt vielleicht neu abmessen müssen, denn gegen Helene Hegemann ist der Vorwurf des Plagiats erhoben worden. Sie soll aus dem Buch Strobo des elf Jahre älteren Bloggers Airen ganze Absätze für ihren Roman übernommen haben. Man kann die Stellen unter www.gefuehlskonserve.de nachlesen und wird feststellen: Es gibt nichts zu deuteln, Hegemann hat beherzt Gebrauch gemacht von einem Text, der, wie ihr Buch, im Berliner Nachtleben an den Grenzen der Gesundheit spielt.

Und es ist auch gar keine Frage: Helene Hegemann hätte natürlich auf ihre Quellen verweisen müssen. Der Ullstein Verlag wird sich jetzt entsprechend um eine Klärung der Urheberrechte bemühen. Was bedeutet das aber für den künstlerischen Wert von Axolotl Roadkill? So komisch es klingt: Die Literarizität von Helene Hegemanns Roman nimmt durch diese Abschreibe-Kunst eher zu als ab. Weniger Autobiografie, mehr Konstruktion – ganz so, wie es das philologische Seminar verlangt. Artistik statt Authentizität. Die schlafwandlerische Sicherheit, mit der die 17jährige Autorin über fremde Quellen verfügt, weist ihr künstlerisch ein besseres Zeugnis aus, als wenn sie jede Droge, über die sie schreibt, auch selbst genommen hätte.

Vermutlich werden noch weitere Quellentexte auftauchen. Schon gibt es den Hinweis auf einen Blog mit dem Titel iguana roadkill… Wenn Helene Hegemann jetzt sagt: "Es gibt keine Originalität, nur Echtheit", dann klingt das nach Chuzpe. Aber es stimmt. Und es gehört vielleicht die Naivität und Radikalität der Jugend dazu, das, was die Kulturtheorie seit mehr als 30 Jahren unter dem Stichwort Intertextualität abhandelt, wörtlich zu nehmen. Eines jedenfalls ist dieser Plagiatsvorwurf bereits jetzt: ein fruchtbarer Hinweis, Airens Strobo zu lesen. Die Parallel-Lektüre zeigt auch, wie die Danteschen Höllenkreise, die beide Autoren beschreiben, bei Helene Hegemann viel zwingender zu einem Bild unserer Gegenwart werden. Ijoma Mangold