Bruce Golding hat den Anfang gemacht. Über das Internet wandte er sich Mitte Januar an seine Gläubiger. Sie hätten in den guten Jahren allesamt saftige Gewinne erzielt, schrieb Golding. "Nun bitte ich Sie, die Lasten zu tragen, die in diesem kritischen Augenblick geschultert werden müssen." Golding ist der Premierminister von Jamaika. Die Wirtschaftskrise hat sein Land schwer getroffen. Deshalb sollen die Inhaber jamaikanischer Staatsanleihen auf einen Teil der versprochenen Zinszahlungen verzichten.

Gemäß den internationalen Gepflogenheiten gilt Jamaika damit als zahlungsunfähig. Bruce Golding hat die erste Staatspleite dieser Finanzkrise hingelegt. In Island ließ sie sich vor einem Jahr in letzter Minute abwenden.

An den Finanzmärkten breitet sich jetzt die Angst aus, dass andere Länder Jamaika folgen könnten. Devisenspekulanten schließen schon Wetten darauf ab, dass der Wert des Euro bald abstürzt. Ende vergangener Woche kam es zu regelrechten Panikverkäufen. Nach Gründen brauchen die Börsianer nicht lange zu suchen. Der Süden Europas steckt in der Klemme. Spanien und Portugal bekommen nur noch gegen hohe Zinsen Geld, Griechenland wurde wegen seiner hohen Schuldenlast von der Europäischen Kommission unter Zwangsverwaltung gestellt.

Am Donnerstag haben die Staats- und Regierungschefs der EU eine politische Grundsatzentscheidung gefällt. Zwar wurde noch kein Geld freigegeben, doch die Botschaft war klar: Wenn Griechenland in Zahlungsschwierigkeiten gerät, werden die reicheren Mitgliedstaaten das Land stützen. Über die technischen Details wird noch verhandelt, erste Beschlüsse könnten bei einem Treffen der europäischen Finanzminister am Dienstag fallen. So wie Angela Merkel einst für die Spareinlagen aller Deutschen garantierte, so garantierte sie jetzt für die schwachen Länder Europas. Viel Zeit für die Detailarbeiten bleibt nicht: Bis Ende Mai müssen allein die Griechen knapp 23 Milliarden Euro auftreiben, um alle ihre Rechnungen bezahlen zu können. Unter der Führung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble arbeiten Fachleute in ganz Europa an einem Rettungspaket. Im Notfall sollen die zahlungskräftigeren Staaten der EU Griechenland mit Krediten und Garantien helfen.

Doch nicht nur in Südeuropa brennt es. Für die so große wie einflussreiche US-Fondsgesellschaft Pimco ruht auch der britische Staatsetat "auf einem Fundament aus Nitroglyzerin". Die Experten der Rating-Agentur Moody’s zweifeln unterdessen an der Stabilität der Vereinigten Staaten. Deren ohnehin schon angeschlagene Kreditwürdigkeit könne "unter Druck geraten", wenn die Regierung bei der Haushaltssanierung nicht mehr Tempo mache.

Erst die Banken, dann die Konjunktur, jetzt die Staaten: Die Finanzkrise geht in die nächste Runde. Es könnte die bislang gefährlichste werden. Der Staat hat in der Krise den Retter in der Not gegeben – aber was passiert, wenn der Retter selber in Schwierigkeiten gerät?

Düster sind sie, die Prognosen der Experten. Immer tiefer rutschen die Etats in die roten Zahlen. Allein in Europa werden die Staatsschulden nach Schätzungen der EU-Kommission bis Ende 2011 auf 10411 Milliarden Euro steigen. Das sind immerhin 84 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – und rund 40 Prozent mehr als vor Ausbruch der Krise. In den USA wächst der Schuldenberg gar auf 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Umstritten aber ist, ob die Defizite so gefährlich sind, wie es die Panik an den Börsen suggeriert. Es gibt Länder, die mit noch höheren Verbindlichkeiten fertigwerden. Japan zum Beispiel. Dort liegt die Schuldenquote bei 190 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – trotzdem können die Japaner ihre Anleihen problemlos am Markt platzieren.