Tatsächlich können zumindest die großen Industriestaaten im Augenblick noch gut mit ihren Schulden leben. Laut Berechnungen der Industrieländerorganisation OECD wird Deutschland trotz der gestiegenen Schulden 2011 nur 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Zinszahlungen ausgeben – das ist weniger als in den neunziger Jahren. In den USA sind es gerade einmal 2,3 Prozent.

Vor allem Deutschland hat kaum Probleme mit seinen Schulden – und führt auch deshalb die Rettungsaktion für Griechenland an. Das liegt daran, dass die Deutschen so enorm viel sparen. Fast ein Drittel des jährlich von der gesamten Ökonomie erwirtschafteten Einkommens legen sie auf die Seite. Das ist mehr, als der Staat und die hiesigen Firmen an Krediten benötigen. Die Regierung leiht sich das Geld also nicht irgendwo im Ausland, sondern vor allem bei ihren eigenen Bürgern. Ganz ähnlich läuft es in Japan und auch in Italien.

Weil sie nicht auf notorisch kurzatmige ausländische Kapitalgeber angewiesen sind, können sich Deutschland, Japan oder Italien höhere Schulden erlauben als andere Länder. Sie müssen ja nicht immer für den Fall gewappnet sein, dass plötzlich alle Anleger ihr Geld zurückhaben wollen. Und: Die Zinszahlungen fallen im Inland an und können damit im Prinzip ebenfalls besteuert werden. Das wäre eine Möglichkeit, die Profiteure der Rettungsprogramme an den Lasten der Krise zu beteiligen. An entsprechenden Konzepten wird hierzulande in regierungsnahen Kreisen bereits gearbeitet.

Nach Einschätzung vieler Ökonomen ist deshalb die entscheidende Frage, ob die Wirtschaft in Deutschland und anderswo bald wieder zu alter Stärke zurückfinden kann. Gelingt es ihr, kommen auch die Schulden unter Kontrolle. Schwieriger wird das, wenn das Wachstumspotenzial dauerhaft beschädigt ist, sodass auch im privaten Sektor kein Geld mehr verdient werden kann. Vieles deutet darauf hin, dass in Griechenland und Spanien genau das geschehen ist. Dort können Firmen schon seit Jahren nicht mehr mit ihren internationalen Konkurrenten Schritt halten – unter anderem, weil die Gehälter stark stiegen, während etwa deutsche Firmen die Löhne kürzten und so Marktanteile eroberten.

Im Boom fiel die Schieflage kaum auf, weil die anderen Sektoren der Wirtschaft heißliefen. Jetzt tritt sie zutage. "Langfristig", so sagt ein europäischer Notenbanker, "können wir die Staatshaushalte nur stabilisieren, wenn in Europa das Gleichgewicht der Kräfte wiederhergestellt ist." Eine in Brüssel diskutierte Variante sieht vor, die Lohnentwicklung in den Ländern der EU besser abzustimmen. Dazu wurde vor gut zehn Jahren der "makroökonomische Dialog" geschaffen, eine Runde von Regierungsvertretern, Zentralbankern, Gewerkschaften und Unternehmensverbänden. Bislang hat das Gremium aber wenig erreicht, weil ihm die Unterstützung auf höchster Ebene fehlt.

Auch ein Beistandspakt für den Süden wird den gefährdeten Ländern nach Einschätzung von Experten nur vorübergehend Linderung bringen. Er könnte ihnen aber immerhin den Spielraum für einen Wiederaufbau seiner Wirtschaft verschaffen. Denn weil die hypernervösen Finanzmärkte den vermeintlichen Wackelkandidaten zu vernünftigen Konditionen kein mehr Geld leihen, müssen sie höhere Zinsen bezahlen. So steigt die Schuldenlast weiter, und die Pleite könnte zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Vor etwa einem Jahr, auf dem Höhepunkt der Krise, war es schon einmal so weit. Peer Steinbrück beruhigte die Märkte damals mit der Ankündigung, notfalls werde den Krisenstaaten geholfen.

Steinbrücks Nachfolger Schäuble hat zuerst gezögert – weil er den Druck auf Griechenland aufrechterhalten wollte, aber auch weil er den Zorn des rettungsmüden Wahlvolks und den Widerstand der FDP fürchtete, die schon bei den Stützungsprogrammen für die Banken nicht mitmachen wollte. Dabei ist man in der Regierung seit einiger Zeit davon überzeugt, dass an Nothilfen kein Weg vorbeiführt. Deutsche Geldhäuser haben im Süden Europas etwa 385 Milliarden Euro ausstehen. Allein in den Bilanzen der Pfandbriefbanken schlummern Forderungen gegenüber Griechenland von rund 14 Milliarden Euro.

Und eines hat die Krise gezeigt: Je länger der Staat wartet, desto höher fällt am Ende die Rechnung aus.