Dieser Tage erhalten Deutschlands Toyota-Werkstätten Päckchen aus Übersee. Der Inhalt: Plastiktüten mit daumennagelgroßen Metallplättchen der Stärke 1,4 bis 2,9 Millimeter. "Reinforcement bar" (Verstärkerriegel) nennt Toyota sie nebulös. Distanzstücke wäre die bessere Bezeichnung.

Denn zu verstärken ist wenig. Aber Abstand ist gefragt. Besonders zwischen dem japanischen Autobauer und seiner peinlichsten und teuersten Rückrufaktion, dem sticking accelerator pedal recall vom 21. Januar 2010. Millionen von Toyota weltweit, hierzulande mehr als 120.000 Aygo, IQ, Yaris, Auris, Corolla, Verso, Avensis und RAV4, müssen in die Werkstatt. Dazu kommen noch zahlreiche Citroën C1 und Peugeot 107, die zusammen mit dem Toyota Aygo im tschechischen Werk in Kolin gebaut werden und technisch mit ihm identisch sind. In China soll es gar Ford mit dem Transit getroffen haben.

Grund des wohl größten Auto-Recalls aller Zeiten: Gaspedale könnten klemmen. Schlimmstenfalls raste ein betroffener Wagen ins Unheil, wenn der Fahrer nicht geistesgegenwärtig auskuppelte oder – im Automatikbetrieb – den Schalthebel in Neutralposition brächte. Der materielle Schaden für den Hersteller, dessen Autos eher als zuverlässig denn als schön oder gar hip geschätzt werden, dürfte im neunstelligen Bereich liegen. Der Imageschaden ist nicht bezifferbar.

Das Plättchen soll’s nun richten. Auch wenn das US-Verkehrsministerium gerade untersucht, ob nicht doch elektromagnetische Unverträglichkeiten oder digitales Wirrwarr hinter den eigenwilligen Pedalen stecken – die offizielle Erklärung des Herstellers lautet: Dreck. Draußen kalt, drinnen warm, vielleicht noch Salz vom Streudienst dazu – ein Kondensat entsteht, das Pedal klebt. Das glatte Edelstahlplättchen wird in der Werkstatt dort im Pedal positioniert, wo es klebrig ist, bevor die Reibung zu groß wird. Ein zusätzlicher Effekt: Jene Federn, die das Pedal wieder in die Ausgangsstellung drücken, wenn man vom Gas geht, werden schon etwas vorgespannt. Halbe Stunde Arbeit, aus die Maus. Wegen der enormen Stückzahlen wird die Aktion allerdings bis 2011 dauern.

Dass es ausgerechnet beim Gaspedal Probleme geben könnte, war erwartbar. Typisch Mensch-Maschine-Schnittstelle: Wo der Fahrer mit der Technik in direkten Kontakt tritt – bei Schaltern und Knöpfen, bei Touchscreens, selbstverständlich bei den klassischen Herrschaftsinstrumenten Gas- und Bremspedal oder Lenkrad –, kommt es zu Störungen. Und das Gaspedal im schmutzigen, feuchtwarmen Fußraum ist ohnehin ein völliger Anachronismus. Ohne dass der Fahrer es gemerkt hätte, wurden nämlich in modernen Autos die mechanischen Seilzüge entfernt. Das Gaspedal nimmt den Fahrerwunsch analog entgegen, leitet ihn aber digital an die Motorsteuerung weiter – gas by wire. Toyota beziehungsweise der Zulieferer CTS aus Indiana/USA wollten dem Fahrer aber mit möglichst mechanischer Anmutung das gewohnte Feedback beim Gasgeben simulieren. Dazu ersannen sie innerhalb einer Metalltrommel im Pedal geriffelte Elemente ("Reibungsschuhe"), die sich aneinander reiben wie ein Seilzug an seiner Hülle. Und wenn sich in ebendiesen Reibungsschuhen unter Umständen Kondenswasser sammelt, könnte die Reibung zu groß werden und das Pedal hängen bleiben.

Dabei gibt es gar keinen Grund, elektrische Signale per Fußpedal zu erzeugen; längst ließe sich ein Auto auch etwa mittels Joystick beschleunigen. Und da auch Bremse und Lenkung by wire kurz vor der Verwirklichung stehen, wird in absehbarer Zeit ohnehin mit dem ganzen überkommenen Gestampfe im Fußraum Schluss sein.