Das Internet, heißt es, sei ein Universum, das sich ins Unendliche ausbreite. Wenn das stimmt, ist es wichtig, sich darin Inseln zu suchen, die man immer wieder ansteuern kann. Wer solche Verstecke und geistige Vorratskammern nicht hat, der geht im Netz verloren.

Kürzlich bin ich beim Surfen auf das Tagebuch eines Landpfarrers gestoßen. Sein Stil wirkt, als sei es vor Jahrzehnten geschrieben worden, aber es entsteht jetzt. Der Pfarrer hat eine Gemeinde in Langenargen am Bodensee, doch sein Journal wirkt, als sei er völlig allein – mit Gott und vielleicht auch mit dem Teufel. Wovon handelt das Tagebuch? Von der Literatur, vom See um fünf Uhr früh, von den Wolken, dem Sturm und all den anderen Dingen, die wir haben, um das Leben zu durchschauen. Dieser Pfarrer liebt den Zweifel und sogar die Verzweiflung. Ein Gottesmann, der, von Schlaflosigkeit getrieben, Gott nicht ganz versteht – gibt es einen besseren Netzgefährten?

Wer vom Pfarrer auf die Letzten Dinge vorbereitet wurde, der ist reif für eine Netzseite, welche über die Letzten Dinge schon hinaus ist. Man gibt bei YouTube die Stichwörter "Der Kommissar" und "Erschossen" ein und gewinnt die Essenz deutscher Mentalitäts- und Kriminalgeschichte: zwei Dutzend Szenen aus der TV-Serie Der Kommissar. Wir erleben Kommissar Keller (Erik Ode) und seine Assistenten Harry, Robert und Walter im wiederkehrenden schwersten Moment ihres Berufs, nämlich dann, wenn sie die schlimme Nachricht überbringen:

Der Kommissar: Ich muss Ihnen leider sagen, Frau Wischnewski, Ihr Mann ist tot.

Frau Wischnewski: Tot?

Der Kommissar: Ja. Er wurde erschossen.

Frau Wischnewski: ERSCHOSSEN?

Diese Szenen, in Dutzenden von Varianten gespielt von der Elite der Schwarz-Weiß-Filmkunst, am besten aber von der flackernden Lilli Palmer, haben eine reinigende und aufhellende Wirkung. Man sieht sie und fürchtet den Tod nicht mehr. Man begreift: Jeder Tod ist der Anfang eines neuen, tollen Spiels.

Aber wer führt Regie? Der Zufall? Gott? Zur Klärung gebe man "Chairman falling off Chair" bei YouTube ein. Man sieht, was sich am 21. Oktober 2008 in Südafrika ereignet hat, morgens um 8.35 Uhr. Nhlanhla Nene, heute stellvertretender Finanzminister Südafrikas, gab im Studio des Senders SABC ein Interview, und um 8 Uhr 35 Minuten und 46 Sekunden knackt der Stuhl, auf dem er sitzt. Nene hört es und spricht weiter, und es bleiben ihm noch 13 Sekunden, ehe ihn YouTube und der Weltruhm, eher: die Weltschadenfreude holen. Denn um 8.35:59 Uhr bricht der Stuhl und reißt Nene nach unten. Wer die Szene zum ersten Mal sieht, der lacht, wer sie zum fünften Mal sieht, erkennt in ihr das Werk eines Meisters: Was für ein diabolisches Timing, welch feine Partitur der Warnsignale!

Nene stürzt also aus dem Bild. Und die Moderatorin spricht einfach weiter – als hätte der Erdboden Nene verschlungen und sich dann wieder geschlossen und als sei das mit den Mächten der Finsternis so verabredet. Ich bin ziemlich sicher: Man sieht in diesem Clip nicht nur Gottes Werk, sondern auch Teufels Beitrag. Ein Glück, dass es den Pfarrer von Langenargen gibt, der nicht müde wird, das eine vom anderen zu scheiden.