Nicht lange ist es her, da wollte der Bundesrat Tanten, die ihre Neffen hüten, allen Ernstes einer Lizenzpflicht unterstellen. In der Luftfahrt gehören vergleichbare Zustände längst zum Alltag, und die amtliche Regulierung wird immer enger. So soll für den Betrieb eines größeren zweimotorigen Flugzeugs künftig ein Management-Organigramm wie bei einer Airline verlangt werden, auch wenn es ganz privat verwendet wird. Dabei hätte der Besitzer alle Ämter in Personalunion inne, und er müsste sich selber schriftlich über relevante Vorkommnisse und Maßnahmen orientieren.

Von der Freiheit, die über den Wolken grenzenlos sein soll, ist auf dem Boden der Realität nichts zu spüren. Die Luftfahrt liegt an Ketten, und eine dichte Nebeldecke der Bürokratie verwehrt den Ausblick auf eine lichtere Zukunft.

Die Bürokratie hat zwei Namen: EASA (European Aviation Safety Agency) und BAZL (Bundesamt für Zivilluftfahrt). Ersteres ist die Super-Aufsichtsbehörde der EU mit Sitz in Köln, die seit 2006 mit wachsenden Kompetenzen die Sicherheit der Luftfahrt reglementiert – auch in der Schweiz; dereinst soll sie sogar allein dafür zuständig sein. Letzteres ist das Berner Bundesamt, welches dem gleichen Auftrag in entsprechend abnehmendem Umfang nachkommt, teils autonom, teils im Auftrag der EASA, jedenfalls mit stetig wachsendem Personalbestand und steigenden Kosten. Beide Ämter zusammen entfalten eine Wirkung, welche die Flugsicherheit fördern soll, diese in Wirklichkeit jedoch mehr und mehr auch bedroht.

Die Mechanik dieses Prozesses offenbart sich bei einem Blick in die Geschichte. Bis zu Beginn des Jahres 2004 arbeitete das BAZL unter dem Kommando des Juristen André Auer und unter dem Druck eines von Ressortminister Moritz Leuenberger durchgepeitschten Personalstopps. Auer bekam selbst dann keine zusätzlichen Mitarbeiter, als anfangs 2000 wegen des von Jahrhundertsturm Lothar hinterlassenen Fallholzes die Zahl der eingesetzten Helikopter schlagartig anstieg, was eigentlich eine Verstärkung des Inspektorenteams erfordert hätte. Prompt kam es zur Überforderung des BAZL-Personals. Dies führte später, nach einer Reihe von Zwischenfällen, zu einer vernichtenden Sicherheitsanalyse des niederländischen Forschungsinstituts NLR – und schließlich zur Entlassung von André Auer.

Ersetzt wurde dieser durch den ehemaligen Baukonzernmanager Raymond Cron. Und plötzlich schlug alles ins Gegenteil um. Obschon ohne Fachkenntnis, stellte Cron umgehend eine Lotterwirtschaft fest und begann unter dem Beifall seines Ministers Leuenberger, den Personalbestand zu erhöhen. Heute beschäftigt das Amt trotz eines deutlich kleineren Aufgabenpensums 48,5 Prozent mehr Mitarbeiter als 2003. Dabei wurden großteils Fachleute durch Bürokraten sowie Kompetenz durch Checklisten ersetzt. Raymond Cron selber bestätigte dies 100 Tage nach seinem Amtsantritt vor der Presse: Jeder administrative Vorgang werde nun einheitlich ohne Ermessensspielraum und Willkür (lies: stur) abgearbeitet. Im November 2008 nahm Cron schließlich den Hut, die Spätfolge einer vor seiner BAZL-Zeit begangenen Straftat. Seit rund einem Jahr ist nun Peter Müller Chef des Bundesamtes – ein Jurist mit der Fähigkeit, auch zuzuhören und Vertrauen zu schaffen, aber vorerst noch ohne eine Hausmacht, die er der internen Cron-Fraktion entgegensetzen könnte.