Heimgekehrt ist nur sein Herz. Nach dem Tod entnommen und in französischem Cognac gebadet, brachte es Chopins Schwester Ludowika zurück nach Warschau, wie vom Bruder gewünscht. Es ruht nun am Königsweg, in einer Säule der Heiligkreuzkirche. Die Inschrift auf der Gedenktafel lautet: "Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz." Im Jubiläumsjahr stehen die Fernsehteams vor der Säule Schlange. Gerade haben die Japaner angefangen, ihre Stative aufzubauen. Sie machen Schmuckaufnahmen für die große Chopin-Gala.

Direkt neben der Heiligkreuzkirche befand sich die letzte Wohnung, in der die Familie Chopin vor Frédérics Abreise lebte. In dem Gebäude ist heute die Warschauer Kunsthochschule untergebracht. Aber es gibt darin noch einen Chopin-Salon. Er bietet Museumskultur in sozialistischer Manier. Durch den Seiteneingang stapft man an einem mürrischen Pförtner vorbei, sucht im Treppenhaus vergeblich nach einem Hinweisschild auf das Museum und landet in den Arbeitsräumen der Kunststudenten, die einen nicht weiter zur Kenntnis nehmen. Überall lehnen Stapel mit halb fertigen großformatigen Ölgemälden an den Wänden. Die jungen polnischen Maler üben offenbar gerade das Apokalyptische und Depressive: Sie malen spektakulär abstürzende Militärflugzeuge, Francis-Bacon-artige Schreiszenen und Skizzen von alten todtraurigen Frauen.

Der Chopin-Salon befindet sich im zweiten Stock am Ende eines langen Flurs. Es ist ein einziger Raum, in dem (nach einer Zeichnung von Frédérics Freund Antoni Kolberg) das Chopinsche Wohnzimmer mit Mobiliar aus dem 19. Jahrhundert eingerichtet wurde: In der Vitrine prunkt das Sonntagsporzellan, über dem Sideboard hängen die Porträts der Eltern, an den hohen Fenstern steht ein Klavier, auf dem Chopin selbst nie gespielt hat. Alles sehr heimelig nachempfunden, aber nichts ist original – außer der Museumswärterin im papageibunten Wollpullover. Sie hat ihren Arbeitsplatz auf der Fensterbank eingerichtet: Dort stehen ihr Kaffeebecher, eine kleine Metallkasse und die Stereoanlage für die Chopin-Musik, die leise aus den Lautsprechern hinter den Vorhängen klimpert. Das Allerheiligste des Raums ist eine alte Holztür, hinter der das erste eigene Zimmer lag, das Frédéric bewohnte. Öffnet man die Tür, blickt man auf einen Mantel und ein Paar Damenwinterschuhe. "Wir nutzen die Tür als Garderobe", sagt die Wärterin.

Der Himmel schimmert in Chopins Lieblingsfarbe Taubenblau

Ist es nicht ein naives Ansinnen, 200 Jahre nach der Geburt eines Komponisten in dessen Heimatstadt zu reisen, um den Geist von einst zu erspüren? Mit Chopin und Warschau funktioniert das jedenfalls nicht. Darüber kann auch die Prorektorin der Musikhochschule, Janka Dankowska, nur spöttisch die Augenbrauen heben: Manche Asiatinnen in den Klavierklassen kämen tatsächlich in dem Glauben, Chopin schöner spielen zu können mit den echten Schauplätzen vor Augen. Dabei ist Warschau ganz anders als die Klischees, die man von einer typischen Chopin-Aura mit sich herumträgt. Zart Jünglingshaftes und fantasievoll Künstlergelocktes sind in dieser Metropole voller Narben und Brüche nicht zu entdecken. Schon gar nicht im grimmig kalten Januar. Da fegt der raue Ostwind durch die Straßen. Für Nocturne-Träumereien hat niemand Muße.

Wer sich mit Warschau anfreunden will, muss sich auf die schroffen Kontraste einlassen. Im Geschäftsviertel mit den Hochhäusern um den monströsen Kulturpalast im sowjetischen Zuckerbäckerstil spürt der Reisende hohes Lebenstempo und viel Lebenshärte. Bei einem Spaziergang im winterverschneiten Łazienki-Park knirscht der unberührte Schnee unter den Schuhen, die alten Bäume glitzern im Morgenlicht, und der Himmel schimmert in Chopins Lieblingsfarbe – Taubenblau. Unter den unbebauten Flächen erahnt man bis heute die Brandstätten des Zweiten Weltkriegs. Und die nach Gemälden von Canaletto wiedererrichtete – und zum Weltkulturerbe erklärte – Altstadt ist von puppenstubenhafter Schönheit.

Vielleicht stellt sich ein chopineskes Paris-Warschau-Boheme-Flair am ehesten im Sommer in der Krakauer Vorstadt ein, am oberen Teil des Königswegs. Dort ist der Verkehr beruhigt, und die Bürgersteige sind verbreitert. Das riesige Traditionshotel Bristol verströmt seinen Jugendstilcharme die ganze Straße hinab. Und die vielen Kaffeehäuser stellen, sobald es warm wird, ihre Tische heraus. Jetzt im Winter ist eher der Wodka das Getränk der Wahl. Die edelmildeste Sorte heißt – Chopin.

Wie sehr lieben die Polen eigentlich noch ihren Herzenskomponisten? In der Liste der berühmtesten Polen steht Papst Johannes Paul II. unangefochten an der Spitze, gefolgt von Lech Wałęsa, danach reiht sich irgendwo zwischen der Nobelpreisträgerin Marie Curie, dem Russenbezwinger Marschall Piłsudski und dem Fußballhelden Grzegorz Lato auch Frédéric Chopin ein. Aber Krzysztof, der Fremdenführer, erzählt, dass die polnischen Schulklassen, die er zum Bronzedenkmal in den Łazienki-Park führt, allenfalls noch wüssten, dass Chopin ein Klavierspieler gewesen sei. Und Stanisław Leszczyński, der künstlerische Leiter des internationalen Chopin-Sommerfestivals, schimpft: "Die Leute wissen nichts mehr über Chopin! Sie können auch nicht mehr ein gutes von einem schlechten Orchester unterscheiden. Es ist ein Drama, wie das Interesse an der Kultur in unserem Land nachgelassen hat." Nach dem Ende des Kommunismus sei eine große Amerikanisierungswelle über das Land geschwappt, mit der Dominanz von Wirtschafts- und Konsumdenken in allen Lebensbereichen.

Waldemar Dabrowski, der ehemalige Kulturminister, Direktor der Nationaloper und Präsident des nationalen Chopin-Organisationskomitees, sieht deshalb die Zeit gekommen für eine Kunst-Offensive. "Wir können nach Jahren des wirtschaftlichen Aufbaus nun andere Prioritäten setzen", erklärt er mit der dicken Intendantenzigarre zwischen Daumen und Zeigefinger.