Der Mann, der an der somalischen Küste aufräumen will, sitzt in einer Ruine auf einem weißen Plastikstuhl und legt seine geballten Fäuste auf den Schreibtisch. "Wir müssen die Piraten an Land schlagen, ihre Stützpunkte und ihren Rückhalt aus der Bevölkerung zerstören", sagt Farah Ahmed Omar und nimmt in der sengenden Hitze seine Schirmmütze ab. "Dann können wir sie auch auf See besiegen."

Neben ihm nicken seine Offiziere in ihren verschlissenen gelben Hemden und dunklen Hosen unentwegt, als ließen sich damit die Zweifel an der Ankündigung ihres Vorgesetzten abschütteln. Sie haben sich im Erdgeschoss eines abbruchreifen Gebäudes im alten Hafen der somalischen Hauptstadt Mogadischu versammelt. Zwei alte Schultische und ein paar Plastikstühle bilden das Mobiliar. Die Türen wurden entweder schon vor langer Zeit gestohlen oder eingetreten. Von den Fenstern sind nur Rahmen übrig geblieben. Alle anderen Räume sind leer, die Flure voller Schutt. Das ist die Kommandozentrale der somalischen Marine. Am Eingang stehen jungen Soldaten, ausgestattet mit Gewehren und Mützen mit dem Logo von Real Madrid. Sie müssen an diesem sengend heißen Tag nicht nur ihren Chef, Admiral Farah Ahmed Omar, sondern auch noch ausländische Journalisten bewachen.

"Wie viele Kriegsschiffe haben Sie, Admiral?"

"Keins", lautet die prompte Antwort.

"Und die Schiffe, die Sie vor dem Bürgerkrieg hatten?"

"Niemand weiß, wo sie geblieben sind. Sie wurden gestohlen." In der Kommandozentrale macht sich verlegenes Schweigen breit.

"Uns ist nur der starke Wille geblieben, unsere Probleme zu bewältigen." Sagt der Admiral, und seine Offiziere nicken erleichtert.

Es hat sie tatsächlich einmal gegeben, die somalische Marine samt Küstenwache, damals in den siebziger Jahren. Somalia war noch ein funktionierender Staat – genauer gesagt: eine funktionierende Diktatur. Deren Militär wurde erst von der Sowjetunion hochgerüstet, dann, nach einem bemerkenswert schnellen Wechsel auf die andere Seite, von den USA. Von diesen Seestreitkräften jener Zeit träumt Admiral Omar, in dessen Büro das Unkraut durch die Fensterhöhlen wuchert. 

Kurz nach Ausbruch des Bürgerkriegs 1991 sollen Marineoffiziere mit einigen Matrosen und der gesamten Flotte in den Jemen geflohen sein und dort eine Fischereigesellschaft gegründet haben. Das erzählt man sich zumindest in Mogadischu. Farah Ahmed Omar schulte fürs Erste um, gründete, so sagt er, eine eigene Hochschule und wurde Professor für Wirtschaftswissenschaften. Jetzt soll er, der seit bald 20 Jahren nicht mehr auf See war, im Auftrag der vom Westen unterstützten Übergangsregierung die Marine wiederaufbauen. Und den Piraten den Garaus machen, gegen die inzwischen eine internationale Kriegsflotte mit deutscher Beteiligung vor der somalischen Küste aufgelaufen ist. "Geben Sie mir zehn Prozent der Summe, die die internationale Gemeinschaft für die multinationalen Kräfte ausgibt. Wir haben eine bessere Strategie, wie wir die Piraten schlagen können, aber wir brauchen vom Westen Schiffe und Unterstützung." Farah Ahmed Omar klingt entschlossen.

Die Piraten besitzen alles, was dem Admiral und seinen Männern fehlt: Granatwerfer, Schnellfeuergewehre, GPS-Geräte, Satellitentelefone. "Mutterschiffe" mit hohen Kränen, von denen aus sie das Meer über Meilen hinweg überwachen können. Kleine Schnellboote zum Entern. Gut bezahlte Zuträger in ausländischen Häfen der Region geben Piraten Hinweise auf Routen und Beladung von Handelsschiffen. Nach einem erfolgreichen Überfall bringen sie Schiff und Besatzung an einen sicheren Ort an der somalischen Küste, wo sie auf die Zahlung des Lösegelds warten. Mit einem Teil des Geldes wird die Ausrüstung der Banden ständig modernisiert, während ein größerer Teil durch Investitionen in das globale Finanzkapital gewaschen wird. Manche Piraten kaufen von ihrem Anteil große Häuser und schnelle Autos, andere ernähren davon Großfamilien in ihren Dörfern.

Mit einem geschätzten Pro-Kopf-Einkommen von 225 US-Dollar im Jahr zählt das Land zu den ärmsten der Welt. Piraterie ist neben dem Handel mit Waffen und Khat, dem landesüblichen Rauschmittel, der einzige profitable Wirtschaftszweig. Früher sicherte auch Fischerei zumindest den Menschen in der Küstenregion Nahrung und Auskommen, aber ausländische Fangflotten waren jahrelang illegal in die Hoheitsgewässer eingedrungen und hatten die Bestände geplündert. "Ursprünglich haben die somalischen Piraten unsere Hoheitsgewässer vor dem illegalen Eindringen ausländischer Fangflotten geschützt, aber das gibt im Westen niemand zu", behauptete unlängst Vizepremier und Fischereiminister Abdulrahman Adan Ibrahim. "Natürlich sind die Piraten heute Verbrecher, aber wenn das Fischereiproblem gelöst wird, geht auch die Piraterie zurück." Das wiederum ist frommes Wunschdenken. Die Fischbestände haben sich dank der Piraterie tatsächlich erholt, weil sich keine ausländischen Schleppnetzfischer mehr an die somalische Küste trauen. Aber bislang hat man noch von keinem Piraten gehört, der seine Kalaschnikow abgegeben hätte, weil die Fangnetze seiner Dorfbewohner wieder voller wurden.