Von Helene Hegemann habe ich erst vorletzte Woche erfahren, als meine Eltern mir erzählten, dass wieder etwas über das Berghain in der Zeitung steht. Genau genommen stand ja drin, dass Hegemann die Passagen in ihrem Buch, in denen es um unseren Club geht, abgeschrieben hat. Eine Freundin sagte zu mir: Eigentlich verdient Hegemann mit ihren 17 Jahren einen roten Teppich, selbst wenn sie bei Airen geklaut hat. Ich habe einige Auszüge aus Airens Buch gelesen. Was ich kenne, finde ich ziemlich überzogen. Aber es ist ja Literatur, oder?

Und was Hegemann selbst angeht: Sie hat gesagt, dass sie das Berghain nicht beschreiben konnte, weil sie zu jung war, um bei uns reinzukommen. Ich erinnere mich tatsächlich nicht, sie gesehen zu haben. Aber seit vergangener Woche ist sie ja volljährig. Vielleicht kommt sie jetzt mal vorbei.

Was ich tun würde, wenn sie vor mir an der Tür stünde? Mir ist es egal, wer da vor mir steht. Wenn ich Leben in ihrem Gesicht sehe, passt sie ins Berghain, dann lasse ich sie rein. Ich schätze Menschen, die ein ungewöhnliches Schönheitsideal verkörpern, die nicht alltäglich sind. Das ist es, was zählt, nicht ob jemand die richtige Kleidung trägt. Dieser Auswahlprozess an der Tür unseres Clubs wird völlig überwertet. Der Laden ist öffentlich zugänglich.

Helene Hegemann ist jung, und ich finde es gut, wenn wir im Berghain mehrere Generationen unter einem Dach vereinen – ich selbst bin ja 48. Für alle, für die Jungen wie für diejenigen, die mit den Clubs gewachsen sind, ist das Berghain ein Sehnsuchtsort – um dem Alltag zu entfliehen. Wolfgang Tillmans fängt dieses Gefühl auf seinen Fotos ein, Tobias Rapp hat in Lost and Sound gelungen darüber geschrieben.

Unsere Gäste müssen uns nicht erklären, wer sie sind, was sie in der Welt da draußen machen. Und was bei uns passiert, bleibt bei uns. Es ist die Illusion, die sie brauchen: dass der Augenblick nie aufhört, obwohl jeder weiß, er muss wieder nach Hause zurück. Manche sagen dann beim Abschied: Danke für die tolle Nacht. Das entschädigt uns Türsteher für den Stress am Abend.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz