Wer verstehen will, warum deutsche Bildungspolitiker neuerdings mit Argusaugen nach Australien blicken, der braucht sich nur ein paar Statistiken anzuschauen. Die der ausländischen Studenten down under zum Beispiel. Ihre Zahl ist zwischen 2003 und 2009 geradezu explodiert. Inzwischen studieren auf dem Kontinent, der ein Viertel der Einwohner Deutschlands hat, mehr Ausländer als hierzulande: über 200.000. Und während die australische Kurve mit zweistelligen Wachstumsraten nach oben zeigt, verharrt sie in der Bundesrepublik seit Jahren kraftlos auf demselben Niveau.

So richtig stockt den Deutschen der Atem allerdings beim Blick auf eine zweite Statistik. Die der Einnahmen aus Studiengebühren. Allein 2008 haben ausländische Schüler und Studenten 13,7 Milliarden Australische Dollar (8,8 Milliarden Euro) an Australiens Schulen und Unis überwiesen. Bildung, teilte das australische Statistikamt stolz mit, sei mittlerweile die drittwichtigste Einnahmequelle für das Land – direkt nach Kohle und Eisenerz. Die Folge dieses ungewöhnlichen Geschäftsmodells: Australiens Bildungssystem wird zu einem Viertel von Ausländern finanziert. Auf deutsche Verhältnisse übertragen hieße das: knapp 30 Milliarden Euro zusätzlich für das unter chronischer Mangelfinanzierung leidende Bildungssystem – Jahr für Jahr. In Wirklichkeit liegt der ausländische Beitrag hierzulande bei unter einer Milliarde – weit unterhalb der Kostendeckung.

Das hat einen einfachen Grund: Ausländische Studenten zahlen in Australien je nach Fach bis zum Vierfachen der Gebühren für die Einheimischen – mit der Begründung, sie müssten sonst keinerlei Steuern entrichten im Land. Deutsche Hochschulen hingegen machen keinen Unterschied zwischen Einheimischen und Gastakademikern – bislang. Denn der australische Gebührenreichtum weckt nun auch in Deutschland Begehrlichkeiten: Gleich zwei der profiliertesten Bildungspolitiker fordern erstmals offen eine Sondergebühr für Studenten aus dem Ausland. Der eine ist der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart. Der FDP-Politiker hat es den Hochschulen in seinem Bundesland bereits freigestellt, einen – wenn auch geringen – Betreuungsbeitrag von den internationalen Studenten zu verlangen. Pinkwart sagt: "Deutschland muss umdenken. Wohlhabende Ausländer sollten das bezahlen, was ein Studium hier in einer der angesehensten Wissenschaftsnationen der Welt wert ist." Den Unis in Großbritannien, Australien oder in den USA brächten die ausländischen Studenten ein finanzielles Plus, "wir zahlen kräftig drauf". Eine Einschränkung macht Pinkwart allerdings – und sie ist wichtig: Nur die Ausländer von Staaten außerhalb der Europäischen Union kämen für höhere Studiengebühren infrage, EU-Bürger müssten weiter grundsätzlich wie Deutsche behandelt werden. Genauso handhabt das übrigens auch Großbritannien, das jährlich rund zehn Milliarden Euro Studiengebühren von Ausländern einnimmt.

Das zweite Plädoyer für Studiengebühren kommt von einem SPD-Bildungspolitiker. Und weil Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner weiß, wie ungewöhnlich das ist, drückt er sich furchtbar umständlich aus. Es wäre, sagt er, "denkbar, dass man über Studiengebühren für vermögende Nicht-EU-Ausländer, die nicht aus Entwicklungsländern kommen, nachdenkt". Der australische Erfolg sei bemerkenswert in einer globalisierten Wissenschaftsgesellschaft, in der Bildung zu einem eigenständigen Wirtschaftsfaktor werde. Auch wenn Zöllner betont, das Thema stehe derzeit nicht auf der politischen Agenda und ein Studium in Deutschland müsse "grundsätzlich kostenfrei" sein: Seine Einlassung ist ein Paukenschlag.