Jetzt hockt Rothkopf in einem vollgestopften 10-Quadratmeter-Wohnheimzimmer für 700 Euro Miete, Waschmaschine und Dusche kosten extra. Dafür hat der 27-Jährige drei Minuten Fußweg zum Campus, der mit seinen altehrwürdigen Fassaden und dem Rasen wie eine britische Bilderbuch-Uni aussieht. Seit zwei Jahren lebt Rothkopf in der japanischen Hauptstadt, dieser Riesenmetropole für 33 Millionen Menschen, in der es keine Straßennamen gibt, dafür das größte U-Bahn-Netz der Welt und schier endlose unterirdische Passagen, in denen Neuankömmlinge zwischen nicht enden wollenden Pendlerströmen umherirren. "Die japanische Kultur scheint uns Europäern gelegentlich so widersprüchlich, darauf kann man sich gar nicht richtig einstellen, bevor man herkommt", sagt Rothkopf, fast liebevoll. Zwar sei er im Land mit vielem nicht einverstanden, aber seine Uni sei super, vom Stipendium bis zur einmalig guten Ausstattung seiner Forschungsgruppe mit Büchern, Computertechnik und großzügigen Reisegeldern. Mit Englisch durchzukommen sei zumindest vom Masterlevel an kein Problem, versichert er, in der naturwissenschaftlichen Fakultät gebe es sogar ein eigenes Sekretariat für die Belange ausländischer Studenten. So viel zum Thema japanische Fremdenfeindlichkeit.

Auch Miriam Finkentey, 23, hat mit der japanischen Widersprüchlichkeit ihre Erfahrungen gemacht, und dabei dachte die Tochter eines Deutschen und einer Japanerin am Anfang ihres Auslandssemesters an der Tokyoter Uni, vor Überraschungen gefeit zu sein. Doch als sie zum ersten Mal mitten im Kurs einen ihrer Kommilitonen den Kopf auf den Tisch legen und in aller Seelenruhe einschlafen sah, musste auch sie schlucken. "Und die Professoren stört das nicht, sogar wenn einer in der ersten Reihe sitzt und schnarcht." Es ist eine jener Beobachtungen, die Europäer schnell machen: Japaner klinken sich gern mal für ein Nickerchen aus. Den grundsätzlichen Klagen mancher Deutschen, die japanischen Studenten hätten keine Debattenkultur und bekämen zum Diskutieren die Zähne nicht auseinander, mag Finkentey indes nicht zustimmen. "Das kommt doch sehr auf den Kurs an", sagt sie.

Überhaupt ist das mit den Stereotypen so eine Sache: Japaner gelten als strebsam und fleißig, doch im Bachelorstudium herrscht deutlich weniger Leistungsdruck als in Deutschland. Den wirklichen Stress haben die Japaner dann bereits hinter sich: die Aufnahmeprüfungen für das Gymnasium und, ein weiteres Mal, für die Universität. "Einen Hochschulabschluss machen hier zwei Drittel eines Jahrgangs", sagt Holger Finken von der Außenstelle des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Tokyo. "Die Frage ist nur, welchen Ruf die Universität und welchen Wert damit der Abschluss hat." Der jahrelange Besuch von Nachhilfeschulen im Vorfeld der Aufnahmeprüfungen, oft bis in den späten Abend hinein, ist selbst für die guten Schüler die Regel. Die Besten berichten anschließend stolz, dass sie für die erfolgreiche Uni-Zulassung "nur ein Jahr" zur Nachhilfe mussten. Die sozialen Selektionseffekte dieses Systems sind enorm: Bildungsaufsteiger haben es in Japan ähnlich schwer wie in Deutschland.

Nach überstandenem Prüfungsstress gilt dann für die Studienanfänger erst mal die Devise: zurücklehnen. Diese "Belohnungssemester" hätten die Japaner dann auch dringend nötig, sagt Rothkopf, "eine letzte Verschnaufpause, bevor es in den rauen japanischen Arbeitsalltag geht". Demgegenüber sei sein Grundstudium in Deutschland "eine einzige Aufnahmeprüfung" gewesen. Miriam Finkentey ergänzt: "Ich halte das entspannte Bachelorstudium in Japan für einen Vorteil. Man kann anspruchsvolle Kurse wählen, wenn man will. Man kann sich aber auch für leichtere entscheiden, etwa wenn man mehr Zeit fürs Sprachenlernen braucht." Deutschen Studenten müssen Japans Universitäten damit fast wie die vermeintlich letzten Zufluchtsorte des Humboldtschen Studienideals erscheinen: Ohne Leistungsdruck können sie das studieren, was sie wirklich interessiert – mit der Intensität, die ihnen entspricht. Und den Preis brutaler Aufnahmeprüfungen haben sie nicht zahlen müssen.