Universitätsseminare können hier über vier Semester gehen

Eine Besonderheit des Studiums in Japan, die unter deutschen Studenten kaum einer kennt, ist das viersemestrige Universitätsseminar, das vor allem einige private Hochschulen bis zur Perfektion betreiben. Die private Keio-Universität, ewiger Lokalrivale der Universität Tokyo und ebenfalls Global-30-Gewinner, zum Beispiel: Der Jurist Philipp Osten leitet dort ein Seminar zum Internationalen Strafrecht, das sich über zwei Jahre streckt. Gerade war Osten, der womöglich einzige deutsche Professor mit Lebenszeitstellung in Japan, mit seinen Seminarteilnehmern auf einem Skiausflug. "Das gesamte soziale und akademische Leben im dritten und vierten Uni-Jahr dreht sich um das Seminar", sagt Osten. Natürlich gibt es, typisch japanisch, auch für diese Art Seminar ein Bewerbungsverfahren. Allerdings übernehmen dabei die älteren Studenten die Auswahl. Anschließend bekommt jeder ein Amt: Die einen organisieren die Seminarfahrten, andere kümmern sich um die Publikation der Abschlussarbeiten, die als Teil des Seminars geschrieben werden. Wieder andere halten den Kontakt zum Ehemaligennetzwerk, denn natürlich hat jedes Seminar seine eigenen Alumni. "Die Old Boys des Seminars Osten", sagt Philipp Osten, gerade 36, und grinst, "die spenden für die Aktivitäten ihrer Nachfolger." Der Nebeneffekt der einmalig guten Betreuung durch den Professor: Gute Studienleistungen werden zur Ehrensache.

Je mehr englischsprachige Programme entstehen, desto mehr können auch Deutsche von diesem ganz anderen Studium an einigen der weltweit besten Universitäten profitieren. Wenn sie denn kommen. Umso größere Mühe gibt sich DAAD-Mann Finken, die exzellenten Karrierechancen anzupreisen, die ein Auslandsjahr gerade Nichtjapanologen eröffnet: "Nur über die Kultur und Sprache Bescheid zu wissen reicht oft nicht mehr. Wer gleichzeitig Experte in einem ganz anderen Fach ist, hat hervorragende Berufschancen überall dort, wo deutsche und japanische Unternehmen aufeinandertreffen." Allerdings nehmen die Sorgen vor einem Rückfall Japans ins alte Isolationsdenken zu. Die neue Regierung muss sparen und hat den Wettbewerb um weitere Plätze im Global-30-Netzwerk auf Eis gelegt. Experten wie der Verwaltungswissenschaftler Koichiro Agata warnen bereits: "Die Global 30 darf nicht als Global 13 enden." Agata, der in Speyer studiert und in Bonn gelehrt hat, baut an der bereits siegreichen Waseda-Uni ein viel beachtetes englischsprachiges Programm auf: Political Science and Economics, und das ganz ohne Global-30-Gelder. Doch Agata weiß: Für die akademische Öffnung Japans braucht es mehr als ein paar Idealisten wie ihn.

Miriam Finkentey geht demnächst zurück nach München – und in die Ungewissheit ihres Magisterstudiums. Manchmal wünscht sie sich, ein so klares Bild ihrer Zukunft vor Augen zu haben wie ihre japanischen Kommilitonen. "Dort bewirbt man sich zu Beginn des letzten Studienjahres um seinen ersten Job, die Firma kümmert sich um die weitere Ausbildung." Dann wiederum erscheint Finkentey dieser vorgezeichnete Weg zu einfach, und sie lobt die Freiheit, die sie in Deutschland hat. "Am liebsten möchte ich immerzu zwischen beiden Welten wechseln", sagt sie. Ihr Auslandsstudium hat sie diesem Wunsch ein entscheidendes Stück näher gebracht.