ZEITmagazin: Herr Juul, Sie sagen, Strafen seien Machtmissbrauch. Ist es denn ernsthaft möglich, ein Kind zu erziehen, ohne zu strafen?

Juul: Oh ja! Auch Belohnung, die postmoderne Version von Bestrafung, sollte man verbannen.

ZEITmagazin: Was ist so schädlich an Belohnung? Wir haben ja jetzt nun jahrelang gelernt, man solle sein Kind für gute Dinge belohnen, mit Smileys oder Punkten, was auch immer.

Juul: Überlegen Sie doch mal – würde eine Frau ihrem Mann jedes Mal eine Belohnung geben, wenn er etwas richtig macht? Für eine Woche Bekochen gibt es einen Blumenstrauß? Das ist doch keine Nähebeziehung, das ist ein Verhältnis wie zwischen Chef und Mitarbeiter.

ZEITmagazin: Und Loben?

Juul: Lob ist eine Note, eine gute Note. Das heißt, unsere Beziehung ist jetzt nicht mehr gleichwertig, ich bin der Lehrer, und ich kann entscheiden, was der Schüler verdient hat, eine schlechte oder eine gute Note. Das Problem ist: Lob schüttet Lusthormone aus, und danach werden Kinder süchtig. Verstehen Sie mich nicht falsch: Man kann seine Kinder Tag und Nacht loben. Die Frage ist nur: Was passiert dann? Wenn man ein Kind will, das einfach nur funktioniert, ohne nachzudenken, ist Lob eine praktische Sache.

ZEITmagazin: Zwischen dem Wissen, der Überzeugung, was gut ist fürs Kind, und dem, was man dann wirklich tut, klafft oft eine ziemliche Lücke.

Juul: Um sich etwa das dauernde Loben abzugewöhnen, muss man abends überlegen: Wie oft habe ich heute mein Kind gelobt? Was hätte ich stattdessen Persönliches sagen können? Wer sich ein, zwei Wochen lang so hinterfragt, ist weg von dieser automatischen Sprache.

ZEITmagazin: Kaum jemand würde heute behaupten, dass es gut ist, ein Kind zu schlagen. Trotzdem rutscht vielen mal die Hand aus.

Juul: 50, vielleicht 45 Prozent der Eltern mit Kindern über zehn sagen: Ja, ab und zu habe ich das Kind geschlagen. Es gibt immer weniger, die daran glauben, dass Schläge zu einer guten Erziehung gehören. Eltern, die das machen, sind oft einfach unsicher.

ZEITmagazin: Das Drama heutiger Eltern: die Unsicherheit?

Juul: Nein, es ist gut, dass Eltern heute ihre Methoden hinterfragen. Jahrelang waren Eltern sich ihrer Sache immer sicher, die Leitmotive der Erziehung waren Disziplin, Ordnung und Respekt. Für diese Sicherheit haben die Kinder einen hohen Preis bezahlt.

ZEITmagazin: Und jetzt zahlen die Eltern den Preis – sie brauchen Leute wie Sie, um sie nach Erziehungsregeln zu fragen.

Juul: Eine Regel, und dann funktioniert alles – das gibt es nicht. Wenn Eltern bewusst erziehen, macht das sowieso kaum einen Eindruck auf Kinder – und wenn, dann einen schlechten. Die Erlebnisse machen Eindruck: wie Eltern miteinander umgehen, mit dem Kind, aber auch mit den Nachbarn, mit ihren eigenen Eltern, wie sie essen, wie sie einander lieben.

ZEITmagazin: "Die Super Nanny" und allerlei Beratungskurse haben den Eltern eine technisierte Idee von Erziehung vermittelt: Man muss nur Hebel A bewegen, dann passiert B.

Juul: Die Super Nanny ist ja Erziehungspornografie – was man da sieht, ist so wenig Erziehung, wie Erotik ist, was man in Pornofilmen sieht.

ZEITmagazin: Manche Erziehungsmethode wurde durch diese Sendung Allgemeingut, wie der "Stille Stuhl".

Juul: Leider funktioniert er nicht, und es ist alter Wein in neuen Flaschen. Es heißt nicht: Jetzt bestrafe ich dich, sondern Time-out, wie beim Eishockey.