ZEITmagazin: Warum funktioniert es nicht?

Juul: Es gab da mal eine Szene mit einem Zweijährigen, der eine kleine Schwester bekommen hatte und ihr gegenüber aggressiv wurde. Nach zweimal Time-out ging dieser Junge zu seiner Schwester, machte genau, was er nicht durfte, und ging dann von allein ins Badezimmer – zum Time-out. Der hatte gelernt, wenn er sein Time-out nimmt, kann er’s ja machen.

ZEITmagazin: Was wäre Ihre Lösung?

Juul: Ein Kind wie der Zweijährige in dem Beispiel hat ja nach der Geburt seiner kleinen Schwester 50 Prozent von allem verloren, was er früher hatte. Das ist, als würde ein Mann zu seiner Frau nach Hause kommen und sagen: Hör mal, ich habe mich in eine andere verliebt, und weil ich dich auch noch liebe, leben wir jetzt zu dritt, morgen zieht sie ein. Traumatisch! Am besten kann in dieser Situation der Vater das große Kind erreichen. Er kennt das ja, auch er ist, nach der Geburt des ersten Kindes, auf der Hitliste seiner Frau von Platz eins auf Platz zwei gerutscht. Er kann nun, ein Mal nur, seinem Sohn sagen: Es ist ja wunderbar mit dieser kleinen Schwester, aber mein Gott, es ist auch anstrengend, findest du nicht? Also ich habe wochenlang nicht mehr geschlafen – für dich muss es doch auch seltsam sein, dass sie plötzlich da ist. Mehr brauchen die Großen nicht, dann hören die auf mit dieser Gewalt, dieser Eifersucht, die in Wirklichkeit Trauer ist. Und in jeder Trauer gibt es Aggressivität.

ZEITmagazin: Sie schreiben, dass Kinder in neun von zehn Fällen kooperieren. Da haben wir Interviewer aber Pech mit unseren Kindern.

Juul: Kinder haben Sehnsucht nach sozialen Beziehungen. Freud hat das nicht geglaubt, und bis vor Kurzem gab es auch keine Beweise. Dann haben Forscher die Spiegelneuronen entdeckt: jene Nervenzellen im Gehirn, die aktiviert werden, wenn jemand sich in einen anderen hineinversetzt – er spiegelt die Gefühle des anderen, und das gibt es auch schon bei Kindern. Ich warte nur darauf, dass man jetzt auch die Erklärung dafür findet, warum 50 Prozent der Kinder spiegelverkehrt kooperieren.

ZEITmagazin: Was heißt das: spiegelverkehrt kooperieren?

Juul: Eltern mit zwei Kindern kennen das: Wahrscheinlich sind diese zwei Kinder sehr unterschiedlich. Das ist nicht nur genetisch bedingt, sondern sie verhalten sich so, weil sie kooperieren – das eine Kind macht quasi eine Fotokopie des Verhaltens, das ihm entgegengebracht wird, das andere kopiert spiegel- verkehrt. In ein Beispiel übersetzt: Die Hälfte der Kinder, die mit Gewalt aufwachsen, wird aggressiv anderen gegenüber; die andere Hälfte wird genauso aggressiv, aber sich selbst gegenüber. Das Phänomen gibt es in allen möglichen Bereichen – immer sind es ungefähr 50 Prozent, die ein Verhalten an den Tag legen, und 50 Prozent, die umgekehrt reagieren. Es gibt zum Beispiel einen Trend, dass Eltern ganz unbedingt glückliche Kinder haben wollen. Das ist furchtbar gefährlich, denn nur 50 Prozent der Kinder reagieren, indem sie sagen: Okay, ich werde glücklich sein…

ZEITmagazin: …weil sie die Erwartungshaltung der Eltern spüren: Du sollst glücklich sein?

Juul: Genau. Und die anderen 50 Prozent machen das Gegenteil. Sie sind ständig unzufrieden, schon beim Aufwachen, als wollten sie sagen: Diese Tagesordnung kannst du vergessen. Du kannst mich nicht zufrieden machen.

ZEITmagazin: Ist das nicht der normalste, innigste Wunsch aller Eltern: ein glückliches Kind zu haben?

Juul: Sicher, aber ich kann nicht versprechen: Wenn Sie es so oder so machen, haben Sie ein glückliches Kind. Denn es gibt keine glücklichen Kinder ohne glückliche Eltern. Man muss sich also nicht Gedanken machen über Kindererziehung, sondern über die ganze Familie. Natürlich darf man den Wunsch haben, ein glückliches Kind zu haben, aber man darf kein Projekt daraus machen.