Jeremy Hackett ist entzückt. Das ist ein seltsames Wort für einen gestandenen Herrn, aber in diesem Augenblick passt es. Wie seine Finger über die Anzüge streifen, die an einer langen Stange hängen, wie sie liebevoll Schulterpolster streicheln, Knopflöcher ertasten, das hat etwas von der Begeisterung eines Kindes. "Ich könnte hier den ganzen Tag verbringen", sagt er. Dabei hat London einladendere Bekleidungsgeschäfte als ausgerechnet das Old Hat im bodenständigen Stadtteil Fulham. Der Verkaufsraum des Secondhandladens riecht muffig, der Boden ist nur notdürftig mit Fliesen bedeckt. Auf den Ablagen türmen sich Lederkoffer, an den lindgrünen Wänden hängen Tuschezeichnungen von Jockeys. Und alles ist vollgestopft mit Kleidung, Kleidung, Kleidung.

In diesem Durcheinander steht Jeremy Hackett. Er trägt einen grauen Flanellanzug, schwarze Schuhe, ein helles Hemd, eine gepunktete Krawatte und eine Nadel mit dem Konterfei seines Hundes. Seine ganze Erscheinung ist die perfekte Verkörperung seines Berufs. Der 56-Jährige entwirft Mode für Gentlemen, die es klassisch mögen. Seine Entwürfe sieht man nicht auf dem Catwalk; eher schon bei einer englischen Fuchsjagd oder einem Pferderennen in Ascot. Lady Di hat früher in Hacketts Geschäft an der feinen Sloane Street Kleidung für ihre Söhne gekauft. Mittlerweile besitzt er überall auf der Welt Läden, ein deutscher Ableger befindet sich in München .

Jeremy Hackett kennt wie kaum ein anderer die fremde, schwer zugängliche Welt des traditionellen britischen Geschmacks. Wir haben ihn gebeten, uns auf eine Einkaufstour durch sein London mitzunehmen. Die erste Station birgt auch gleich die erste Überraschung. Warum ausgerechnet Fulham, diese Trutzburg von Reihenhäusern im Westen der Stadt? Zum einen, weil hier vor fast dreißig Jahren Hacketts Karriere begann, in einem Secondhandladen ganz in der Nähe. Und zum anderen, weil das Old Hat viel mehr ist als ein gewöhnlicher An- und Verkauf. Die Rumpelkammer in der Fulham High Street hat sich auf allerfeinste Maßanzüge, -hemden und -schuhe spezialisiert.

Der Inhaber David Saxby ist ein alter Bekannter von Hackett. Auch er mag es gediegen. Wer ihn in seinem beige karierten Tweedanzug sieht, könnte meinen, vor der Tür wartete eine Kutsche, um ihn auf seinen Landsitz zu bringen. Die beiden Connaisseurs plaudern darüber, wie das Ansehen ihres Berufs sich gewandelt hat. Als Henry Poole 1846 in der Savile Row seine Werkstatt eröffnete, war es eine Sensation, dass ein Bürgerlicher Adlige bis hinauf zum König in Kleidungsfragen beriet. "Heute sind Designer selbst Berühmtheiten", sagt Hackett amüsiert. Er hat mittlerweile einen schwarzen Anzug in seiner Größe gefunden. "Gut erhalten", raunt er. Er schaut im Innenfutter nach, eingenäht ist das Fertigungsdatum: September 2000. "Oh, von Anderson & Sheppard." Auch ein Schneiderbetrieb von der Savile Row – immer noch die erste Adresse für Maßanfertigungen. "Den habe ich von einem Araber", erzählt Saxby. "Fünfzig Anzüge hat er verkauft. Anderson & Sheppard haben mir gesagt, er habe damals 200 bestellt. Und sie mokierten sich darüber, dass er die letzten drei nicht bezahlen wollte." Damals hat so ein Anzug etwa 3000 Pfund gekostet, jetzt hängt er bei Saxby für 180.