Der Anruf erreichte den Professor beim Einkauf. Ein Anwalt von Schalke 04 war dran. Wegen der Hymne des Clubs. "Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht", heißt es darin. Seit Jahrzehnten singen die Fans das Lied. Doch nun hatten strenggläubige Muslime die dritte Strophe entdeckt und bombardierten den Verein mit Hassmails. Ob der Professor vielleicht in einem Gutachten klären könnte, ob sich Allahs Anhänger zu Recht beleidigt fühlten?

Erst dachte Bülent Uçar an einen Scherz. Doch als er hörte, dass angesichts der Drohungen von Islamisten der Staatsschutz tätig geworden war und Islamkritiker wiederum die Affäre nutzten, um den Muslimen Intoleranz und Fanatismus vorzuwerfen, setzte sich der Korangelehrte hin und schrieb seine Fußball-Fatwa. Auf sechs Seiten legt Uçar mit wissenschaftlicher Akribie und nicht ganz heiligem Ernst dar, dass die umstrittene Liedzeile zwar "etwas salopp" formuliert, bei einem Sportereignis jedoch "durchaus zu vertreten" sei. Mohammed könne schließlich kein Fußballexperte gewesen sein, da es das Spiel zu seiner Zeit in der arabischen Wüste noch gar nicht gegeben habe. Und selbst der Prophet vermöge – bei allem Respekt – nicht in die Zukunft zu blicken. "Wenn Extremisten auf beiden Seiten die Debatte über den Islam zu beherrschen drohen, hilft eben nur Aufklärung", sagt Uçar.

Aufklärung im besten europäischen Sinn – genau das erhoffte sich der Wissenschaftsrat, als er kürzlich vorschlug, Religionslehrer und Imame in Zukunft in Deutschland auszubilden und dafür an hiesigen Universitäten Lehrstühle für islamische Theologie zu gründen. Die Forderungen des höchsten deutschen Beratungsgremiums in Wissenschaftsfragen trafen auf breite Zustimmung. Die Bundesregierung stellte prompt Geld in Aussicht (siehe Interview auf der Seite gegenüber), und mehrere Hochschulen wollen sich für das Programm bewerben. Sehr gute Chancen, den Zuschlag zu bekommen, werden der Universität Osnabrück eingeräumt – und ihrem jungen Professor Bülent Uçar.

Seit drei Jahren schult der Islamexperte im Rahmen eines Modellversuches in Niedersachsen Pädagogen zu muslimischen Religionslehrern. Vom nächsten Wintersemester an bieten Uçar und seine Osnabrücker Kollegen darüber hinaus erstmals in Deutschland muslimischen Geistlichen eine Weiterbildung an der Universität an. Das langfristige Ziel jedoch ist ambitionierter: Es heißt Imam BA, die sechs- bis achtsemestrige Bachelorausbildung muslimischer Gläubiger zu Vorbetern und Gemeindevorstehern. In deutscher Sprache sollen sie Koranexegese und islamische Philosophie studieren, bundesrepublikanisches Recht und zeitgenössische Pädagogik. Zugleich werden die angehenden Gottesmänner lernen, ihre Religion nach außen glaubwürdig zu vertreten: gegenüber Lokalpolitikern, Journalisten oder Kirchenvertretern, die wissen wollen, was in ihrem Stadtteil in der Moschee gelehrt wird.

Dem Islam, sagt Uçar, fehle es "in dramatischer Weise an theologisch geschulten Führungspersönlichkeiten". Der Deutschtürke könnte auch sagen: Es gibt zu wenige Leute wie ihn. Redegewandt und selbstbewusst, in Deutschland geboren und ausgebildet, im Glauben ebenso verwurzelt wie in der modernen Gesellschaft, gehört der 33-jährige Uçar zu einer neuen Generation von Muslimen. Noch sind sie weit davon entfernt, den Diskurs über ihren Glauben zu bestimmen. Noch dominieren in den Führungsetagen der islamischen Verbände Ingenieure, Naturwissenschaftler und Ärzte. Selbst in der Deutschen Islamkonferenz sitzt kein einziger studierter Theologe. Dafür streiten über die Religion des Korans viele Funktionäre sowie kritische Kulturmuslime, die lange keine Moschee mehr von innen gesehen haben.