Wien erlebte in seiner Amtszeit einen gewaltigen Expansionsschub, und die zahlreichen kommunalen Aufträge, die in der Wachstumsphase vergeben wurden, schufen zusätzliche Abhängigkeiten. Jede der vielen städtischen Einrichtungen, die in rascher Folge eröffnet wurden, Gas- und Elektrizitätswerke, Straßenbahnremisen, Spitäler, Schulen, Brauhäuser, Bestattungsunternehmen oder Wasserreservoirs, nutzte er als Bühne zur Selbstdarstellung.

Stets war der "schöne Karl" bei diesen Anlässen umringt von seinen Getreuen, die eine eigene Uniform trugen (grüner Frack mit schwarzem Samtaufschlag und gelben Wappenknöpfen), gefolgt von hohen Klerikern in prächtigem Ornat und umjubelt von den sogenannten Lueger-Amazonen aus den Frauenorganisationen der katholischen Pfarrhäuser. Er war nun tatsächlich der "Herrgott von Wien", wie es ehrfürchtig hieß. "Und überall wird hineingemeißelt: Erbaut unter Dr. Karl Lueger", erinnerte sich voller Bewunderung noch Jahrzehnte später einer, der gerade nach Wien kam, als Lueger im Zenit stand – eine verkrachte Existenz namens Adolf Hitler.

"Auch ich befand mich unter den vielen Hunderttausenden, die dem Trauerzug zusahen", erzählte Hitler in Mein Kampf, wo er in seitenlangen Elogen dem "wahrhaft genialen Bürgermeister", dem Idol seiner Wiener "Lehr- und Leidensjahre" huldigte. Nach langem Siechtum war der fast erblindete Volkstribun am 10. März 1910 gestorben. Der Leichenkondukt bestand aus über tausend Wagen, die Stadt war schwarz beflaggt, die meisten Geschäfte hatten geschlossen, 40.000 Uniformierte säumten den Weg des Zuges. Noch 1943 erinnerte die NS-Filmindustrie in dem Propagandastreifen Wien 1910 an diesen Volkstrauertag.

Der politische Antisemitismus, wie ihn Lueger praktizierte, meint John Boyer, Historiker an der Universität Chicago, der nun die erste umfassende und fundierte Lueger-Biografie vorlegt, sei "weniger dafür bemerkenswert, was er war, als dafür, was er schließlich möglich machte". Einerseits zertrümmerte er im Sturmlauf einer kleinbürgerlichen Protestbewegung die Vormacht der liberalen Honoratiorenpartei; in der Folge strahlte seine Wirkung jedoch auch weit über die Grenzen der Stadt und die Lebenszeit seines Begründers hinaus.

Der Rechtsanwalt aus kleinen Verhältnissen, strebsamer Sohn eines Schulwartes, hatte lange nach einem Weg gesucht, der ihn an die Spitze führen könnte. Sein erster Mentor, der jüdische Arzt Ignaz Mandl, ein Radikaldemokrat, führte in die Kunst der Biertischdemagogie ein. Zehn Oppositionsjahre lang versuchte Lueger sich in der verwirrenden Welt der Wiener Bezirkspolitik vergeblich links und rechts der liberalen Mittelpartei, bei Demokraten aller Schattierungen und selbst bei Deutschnationalen. Erst als Führer der Interessenkoalition aus kleinen Gewerbetreibenden und dem niederem Klerus, die sich beide durch liberale Reformen in ihrer gesellschaftlichen Stellung bedroht fühlten, entdeckte er die simple Zauberformel, die seine Christlichsozialen zur einer Massenpartei anschwellen ließen: "Groß-Wien darf nicht Groß-Jerusalem werden." Mehr steckte nicht dahinter.

In einem Erinnerungsartikel anlässlich der Enthüllung eines Lueger-Denkmals in Wien urteilte Felix Salten 1926 bereits milde: "Er hat die Ärzte und die Professoren und die Bildung und die Juden wohl kaum in Wahrheit gehaßt. Er war ein echter Wiener Kleinbürger, das heißt, kein richtiger Hasser, nur ein rechter Schimpfer." Als er diese Zeilen las, lobte Sigmund Freud den Autor, sein Urteil sei "taktvoll, würdig und wahrheitsgemäß".