In nahen Kontakt mit der Person zu treten, die ich vor 33 Jahren gewesen sein mag, ist mir nicht möglich. Nicht nur sind alle Körperzellen in der Zwischenzeit mehrfach ersetzt worden, auch das Denken und Auffassen hat sich geändert. Natürlich wurde Erlebtes in meinem Kopf aufbewahrt, leuchtende Erinnerungsbilder zumal, wie die von der großen Amazonasreise, aber sie flackern nur zufällig

in meinem Kopf. Kurzum: Denke ich an den Amazonas und an die siebziger Jahre, ist es mir nicht möglich, ein wohlig schlaffes Ich wochen- oder gar monatelang in der Hängematte auf dem mächtigen Strom dahinfahren zu lassen. Vom Schreibtisch aus beobachte ich lieber einen Mann namens Richard, 22 Jahre alt, so alt, wie ich damals war, und in Stuttgart geboren, ein Mann, der einige meiner Leidenschaften und Auffassungen teilt.

Warum einen Mann? Weil ich einen Menschen brauche, der allein unterwegs ist. Wer allein reist, erlebt intensiver. Frauen waren damals auf so ausgedehnten Reisen selten allein anzutreffen. Ich war es jedenfalls nicht. Doch in meiner Erinnerung, in der manche Stationen der Reise mir wieder frisch entgegentrudeln, ist nur eine Person unterwegs, der alles widerfahren ist. Deshalb nun also: Richard.

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Der September des Jahres 1975 war nicht besonders regenreich. Seit einigen Monaten war Richard auf dem südlichen Teil des amerikanischen Kontinents unterwegs. Opulente Romane, in denen das Leben auf jeder Seite nur so herausquoll, in denen Levitationen so selbstverständlich waren wie das Treiben auf der Erde, hatten ihn hierher gelockt, wohl auch die letzten Wallungen des Revolutionsfiebers, das ihn einst auf dem Gymnasium gepackt hatte, vor allem aber das Misstrauen, welches er seinem verbrecherischen Heimatland gegenüber hegte – ein böses, fort und fort schwelendes Misstrauen, an dessen Rändern die Paranoia flackerte. Südamerika war der Zauberkontinent, auf dem die Hoffnungen ruhten, wo Revolutionen ausbrachen und leider auch blutig beendet wurden. Dass es in der Bundesrepublik ruhig und bequem zuging, dass es angenehm war, in einer Demokratie zu leben, sollte Richard erst später zu Bewusstsein kommen, als er längst wieder zu Hause war.

Richard war ein Mann, der viel Geduld besaß und alles liebte, was ausgedehnt und von anhaltender Dauer zu sein versprach, deshalb hatte er sich vorgenommen, den ganzen ewig langen Amazonas per Schiff zu befahren, das heißt, zunächst nicht den Amazonas, sondern den Rio Ucayali, einen der Hauptflüsse, die den Amazonas speisen. Er war mit wenig Geld und einer Reisetasche unterwegs, die schon bessere Tage gekannt hatte. Ihre rötlichen Gobelinstickereien waren inzwischen abgeschabt und grau, etliche Nähte geplatzt, die Henkel brüchig. Trotzdem war er stolz auf das Ding. Die Tasche machte ihn glauben, er sei ein reisender Held aus einer glorreichen früheren Zeit und habe mit den Touristen hier nicht das Geringste zu tun.