Die Geschichte der modernen Universität ist auch eine Geschichte des architektonischen Elends. Unzählige Riegel, Türme, Hallen sind in den letzten Jahrzehnten entstanden, und die meisten sehen aus, als wäre Bildung nichts als ein trister Verwaltungsvorgang. Graue Bauten für graue Theorie, das schien das Credo vieler Planer.

Auch in Lausanne am Genfer See war das so, auch dort hatte man die Technische Hochschule ins Nirgendwo der Vorstadt abgeschoben, und die Studierenden beugten sich schon deshalb besonders tief über ihre Bücher, um möglichst wenig mitzubekommen von der gebauten Ödnis rundum. Jetzt aber dürfen sie aufschauen, dürfen staunen, dürfen am eigenen Leibe spüren, welche verändernde Macht die Architektur sein kann. Eine neue Bibliothek wurde vorige Woche eröffnet, die sich Rolex Learning Center nennt, in Wahrheit aber ein gigantisches Labor für ästhetische Erfahrung ist. Das Ziel des Versuchsaufbaus: das Lernen neu zu lernen.

Die Technische Hochschule in Lausanne ist klein, kaum mehr als 10.000 Forscher und Studierende arbeiten hier, kaum mehr als 500.000 Bände fasst die Bibliothek. Doch gewaltig ist der Ruf der Schule, für Ingenieurwissenschaftler und Informatiker gibt es in Europa keine bessere. Und sie will noch besser werden, die beste Universität der Welt, wenn es nach den Plänen des Rektors geht – auch deshalb die neue Bibliothek.

Von Weltgeltung allerdings ist zunächst nicht viel zu erblicken, nur ein Pavillon aus Glas lagert breit und unscheinbar am Rande des gewerbegebietsgleichen Campus. Seltsam nur, dass die Glasflügel, die doch so sachlich wirken, sich etwas sehr Unsachliches erlauben: Sie heben ab. Sie verlassen den Boden der Gewöhnlichkeit, üben sich in Leichtigkeit, schlagen irrwitzig weite Bögen und künden so von dem, was uns im Inneren erwartet. Die glasriegelhafte Ratio der Naturwissenschaften lernt das Schweben.

Wer die Bibliothek dann betritt, hat die Universität, wie er sie kannte, hinter sich gelassen: Hier regiert nicht das Diktat der Nützlichkeit, alle Effizienz- und Bolognaregeln sind aufgehoben. Diese Bibliothek will ein Freiraum sein, also das, was Universität eigentlich bedeutet. Ein Freiraum, der von den strengen Üblichkeiten des Denkens und Bauens in Horizontalen und Vertikalen nichts hält, der lieber eine Landschaft sein will, mit sanften Hügeln, kleinen Anhöhen, wilden Serpentinen und unvermuteten Tälern. Kreuz und quer kann man darin herumwandern, es gibt keine vorgeschriebenen Wege. Und während man so geht, manchmal schon pustend die Steigungen erklimmt, findet man, was man nicht suchte: die Bücherregale, die Arbeitsplätze, die kleinen gläsernen Kabinen, in denen man sich trifft zum Gespräch, auch Cafés gibt es, ein Restaurant und überall Sitzsäcke für jene, die sich niederlassen wollen auf dem grauen Teppichfilz, um zu lesen, um kreativ zu dösen oder die Gedanken schweifen zu lassen, bis hinüber zum Montblanc, der in der Ferne leuchtet.

Nichts Geringeres als das Ideal einer Bildungslandschaft haben die Architekten des japanischen Büros Sanaa auf dem Campus der Hochschule ausgebreitet. Eine Landschaft, die offen ist, in der sich alles mit allem verbindet, es praktisch keine Grenzen gibt, in der jeder aufgefordert ist, seinen eigenen Pfad zu finden. Auch Hinweisschilder und Übersichtspläne gibt es, doch die Architektur verleitet zum Umwegemachen, zum nonlinearen Denken. Vielleicht ist das sogar das höhere Lernziel in dieser Bibliothek.

Der reale Raum ist hier allemal aufregender als der virtuelle

Wer hingegen Stille braucht, wer den Rückzug will, den eine Bibliothek klassischerweise bietet, der wird es schwer haben. Es wird zwar eine Art Wetterlärmkarte geben, auf der sich ablesen lässt, in welchen Teilen der Bibliothek es gerade besonders hoch hergeht und wo sich ein stilles Tief findet. Doch Weltabgeschlossenheit sucht man vergeblich, und auch das ist Teil des Konzepts. In einer Zeit, in der sich das Medium Buch verflüchtigt, in der es ohne Weiteres möglich wäre, die ganze Universität mit ihren Vorlesungen und Seminaren ins Internet zu verlegen, weil jeder daheim seine Bücher am Bildschirm lesen und seine Seminararbeit per Videokamera vortragen könnte, in Zeiten der Rundumdigitalisierung muss eine Bibliothek nicht allein ein Ort des Lesens sein. Sie muss vor allem ein Ort sein wider die grassierende Ortlosigkeit. Ein Raum, der in seiner Vielfalt und Lebendigkeit allen virtuellen Räumen überlegen ist.