Die beiden Kammern des Parlamentes beschlossen es mit einer einzigen Gegenstimme. Das war im November 1934. Im März 1935 trat das Gesetz über die Banken und Sparkassen in Kraft. Darin enthalten war der kaum beachtete Artikel 47, der das umschreibt, was man heute als Bankgeheimnis kennt. Bis dahin hatte es ein Bankgeheimnis nur als Vertrauensverhältnis zwischen Banken und ihren Kunden gegeben, ähnlich dem Anwalts-, Arzt- und Beichtgeheimnis. Damit ist auch klar, dass die geforderte Verschwiegenheit dem Kunden und nicht der Bank dienen soll. Die Bezeichnung müsste eigentlich "Bankkundengeheimnis" lauten.

Das Bankgeheimnis sei mit ehrenwerten Absichten, sozusagen aus "humanem Mitgefühl", begründet worden, schrieb die ZEIT im April 1984, und weiter: "Kernstück ist der berühmte Artikel 47 über die Einführung anonymer Chiffrekonten" – mit ihm sollte Nazispitzeln der Zugriff auf jüdische Vermögen in der Schweiz verwehrt werden. Das ist ein schönes Beispiel zu einer falschen Legende. Dass sich der 1934 beschlossene Artikel gegen Naziumtriebe richtete, ist längst widerlegt, dagegen spricht schon der zeitliche Ablauf. Allerdings profitierten Flüchtlinge aus dem deutschen Machtbereich als Erste vom Bankgeheimnis, unter ihnen auch deutsche Gewerkschaften.

Eine neuere Legende behauptet nun, diese Argumentation sei nach 1945 von den Bankiers verwendet worden, einerseits als Marketinginstrument und anderseits in der politischen Diskussion, etwa bei der Abwehr der sogenannten Bankeninitiative von 1984. Tatsächlich haben einige Bankiers und Politiker – auch aus dem linken Lager – diese Argumente aus Unkenntnis der historischen Entwicklung aufgegriffen. Doch falsch wäre die Annahme, der Bankenplatz Schweiz sei unter dem Motto von Moral und Ethik angepriesen worden, insbesondere im Ausland. Die Banken betrieben lange keine Werbung im Ausland, von 1980 bis 1993 gab es eine freiwillige Konvention der Bankiervereinigung, die ihnen die Kundenakquisition und Werbung im Ausland bei Strafe untersagte.

Die neue Mythenbildung will eine neue Wahrheit zementieren: Der Aufstieg des Finanzplatzes Schweiz soll aufs Bankgeheimnis reduziert werden. Zugleich wird die erleichterte Steuerhinterziehung für Ausländer als das einzig wahre Motiv für die Einrichtung des Bankgeheimnisses dargestellt. Wer die Geschichte verfolgt, stellt jedoch fest, dass ausländische Steuerhinterzieher lediglich Trittbrettfahrer des für Schweizer angelegten Gesetzes sind.

Mit dem Gesetz schuf die Schweiz ihre Bankenaufsicht. Obwohl sich die Banken noch 1933 dagegen wehrten, wurde die Eidgenössische Bankenkommission eingerichtet. Der Grund: Viele Bankkunden bangten um ihre Einlagen, denn bereits seit dem Ersten Weltkrieg und zu Beginn der dreißiger Jahre befanden sich viele Banken in schwieriger Lage, gingen unter oder wurden saniert, einige auch übernommen. Die Sozialdemokraten wollten ihre Klientel vor Verlusten und bäuerliche Kreise die ihre vor hohen Zinsen schützen. Beide forderten eine institutionalisierte Überwachung der Geldhäuser. 1933 musste die Schweizerische Volksbank (SVB) zum zweiten Mal gerettet werden; der Bund schoss 100 Millionen Franken in ihr Genossenschaftskapital ein – dies entsprach damals etwa einem Viertel des Bundesbudgets. Die Krise der SVB war der finale Katalysator bei der Geburt der Schweizer Bankenaufsicht.

Ende der zwanziger Jahre war es zudem vermehrt zu Bankspionage gekommen. Französische und deutsche Beamte verfolgten Landsleute bis in die Schweiz, um festzustellen, ob sie hier Gelder deponierten. Nach wie vor benötigten die Haushalte dieser Länder dringend Steuereinnahmen zur Begleichung der Kriegsanleihen – ähnlich wie heute –, Deutschland etwa musste die Reparationszahlungen aus dem Versailler Vertrag bedienen.

Die deutschen und französischen Beamten handelten auf schweizerischem Territorium und benutzten Bankangestellte als Informanten, eine klare Verletzung der schweizerischen Souveränität. Aber eine rechtliche Handhabe gegen die Täter bestand nicht. So wurde das Bankgeheimnis ohne politische Debatte und ohne Widerstand der Linken in das Gesetz über die Banken eingebaut. Den Bankmitarbeitern wurde unter Strafe verboten, Auskünfte über Kunden an Dritte weiterzugeben.