Manche der Patienten haben Glück im Unglück und geraten an den rechten Arzt. So wie Abdullah. Seit seiner Geburt war klar, dass mit dem Jungen etwas nicht in Ordnung war. Bald wurden seine Probleme offensichtlich: Er hatte viel zu kurze Arme und Beine, konnte sich im Alter von einem Jahr weder aufsetzen noch selbstständig umdrehen; außerdem hatte er übermäßig lange Wimpern. Sein ganzes erstes Lebensjahr hatte er wegen ständigen Fiebers in der Universitätsklinik Münster verbracht – doch niemand wusste dort so recht, woran der Kleine eigentlich litt.

Ratlos war zunächst auch Thorsten Marquardt, Leiter der Stoffwechselabteilung in Münster: "Die Symptome hatte ich so kombiniert noch nie zuvor gesehen." Zwei Jahre lang sahen die verzweifelten Eltern Ärzte, die ihrem Kind keine Diagnose stellen, geschweige denn ihm eine Therapie verschreiben konnten. Der Fall ließ Marquardt keine Ruhe. Zwei Jahre lang suchte er nach einer möglichen Ursache, wälzte Bücher und Fachpublikationen, beriet sich mit Experten aus aller Welt – und unterzog den rätselhaft erkrankten Abdullah allen möglichen Untersuchungen.

Bei einer zeigte sich, dass die Oberflächenstruktur von Abdullahs weißen Blutkörperchen ungewöhnlich glatt war. Marquardt las eine israelische Forschungsarbeit, in der die äußerst seltene Stoffwechselstörung Leukozytenadhäsionsdefekt Typ 2 beschrieben wurde – und dieselbe Veränderung wie bei Abdullah. Weltweit waren nur drei Patienten bekannt. Alle drei starben daran, eine Therapie gab es nicht. Doch Marquardt hatte zumindest eine Spur. Er experimentierte mit Zellkulturen seines kleinen Patienten und entdeckte, dass die Zugabe des seltenen Zuckers Fucose die Störung ausgleichen konnte. 

Im Chemikalienhandel bestellte Marquardt den Stoff, testete ihn an sich selbst auf Ungefährlichkeit, gab ihn schließlich dem Jungen. Innerhalb weniger Tage ging es ihm besser. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er kein Fieber mehr. Heute ist Abdullah zwölf Jahre alt und immer noch kleiner als Gleichaltrige. Geistig wird er seinen Entwicklungsrückstand nie ganz aufholen – doch er ist gesund. Ohne Fucose wäre er wohl längst tot. Auf der Verlobungsfeier von Abdullahs Onkel war Marquardt Ehrengast.

Solche Erfolgsgeschichten sind die große Ausnahme. Sieben Jahre dauert es im Durchschnitt allein, bis einem Patienten mit einer ungewöhnlichen Krankengeschichte auch nur die richtige Diagnose gestellt wird. Falls überhaupt. Und es gibt kaum Medikamente oder Therapien für die "Waisen der Medizin", wie Menschen mit seltener Erkrankung seit Jahren genannt werden.

Nun endlich bewegt sich etwas für sie: Vergangenes Jahr forderte der Europarat dazu auf, die Strukturen zur Betreuung von Menschen mit seltenen Erkrankungen zu verbessern. Mitte Januar wurde in Tübingen die Einrichtung eines Zentrums für seltene Erkrankungen gefeiert, das erste seiner Art in Deutschland. Und Pharmafirmen entdecken langsam das Geschäft mit den orphan drugs (Waisen-Arzneien).  

Die »Waisen der Medizin« pilgern oft jahrelang von Arzt zu Arzt

Am Montag dieser Woche wurde zum dritten Mal der Forschungspreis der Eva Luise und Horst Köhler Stiftung für seltene Erkrankungen vergeben. Der Bundespräsident und seine Frau sind selbst Betroffene: Ihre Tochter Ulrike erkrankte als Jugendliche an der seltenen Augenkrankheit Retinophatia pigmentosa. Beim Festakt in Berlin wies Eva Luise Köhler stolz auf 60 begutachtete Projekte hin und lobte die "besonders große Resonanz".

Mit den orphan diseases , den Waisen-Krankheiten, ist es paradox. Jede einzelne betrifft nur verschwindend wenige, insgesamt leiden in Deutschland aber vier Millionen Patienten an irgendeiner (siehe Kasten). Stoffwechselstörungen gehören ebenso dazu wie Hautkrankheiten oder Nervenleiden. Die Betroffenen wandern meist jahrelang von Arzt zu Arzt. Oft müssen sie sich als "Psychosomatiker" abtun lassen. An einen hartnäckigen Einzelkämpfer wie Thorsten Marquardt geraten nur wenige.

Dieses Schicksal verbindet. So werden die Betroffenen und ihre Angehörigen oft selbst zu Experten – gezwungenermaßen, weil Wissen rar ist. Sie kämpfen sich durch neueste Studien, verfolgen klinische Versuche und tauschen sich in Selbsthilfegruppen darüber aus. Einer der wichtigsten Zusammenschlüsse ist die Allianz chronischer seltener Erkrankungen (kurz: Achse), die 2004 von Selbsthilfeorganisationen aus unterschiedlichen Krankheitsfeldern gebildet wurde. Köhler ist die Schirmherrin von Achse. Der Verein arbeitet an einer patientenorientierten Datenbank über alle seltenen Krankheiten, engagierte eine Expertenlotsin für Hilfe suchende Ärzte, vermittelt Patienten an Spezialisten für ihre Krankheit. Die Achse koordiniert auch den Forschungspreis und stellt den wissenschaftlichen Beirat für die Jury.

Die 50.000 Euro Preisgeld gingen dieses Jahr an Karin Jurkat-Rott und Marc-André Weber aus Ulm und Heidelberg. Sie haben Patienten mit hypokaliämischer periodischer Paralyse (HypoPP) – worunter nur einer von 100.000 Menschen leidet – erstmals genauer untersucht und therapiert. Die Betroffenen leiden an wiederkehrenden Muskellähmungen, vielen droht im Lauf der Jahre der Rollstuhl. Offenbar schafft eine Arznei gegen ein ganz anderes Leiden Abhilfe: In Einzelheilversuchen mit einem Blutdrucksenker konnten Patienten nach oft monatelanger Behinderung wieder richtig laufen. Das ist ein sogenannter off-label use , ein Einsatz für andere Zwecke, als sie das Medikamentenetikett (label) ausweist. Dieser direkte Nutzen für Kranke hatte die Juroren beeindruckt. Jede Arznei-Zweckentfremdung muss sorgfältig geprüft werden, doch das Beispiel birgt Hoffnung für "Verwaiste", die sich völlig allein wähnen.

Immer wieder erlebte man an der Universitätsklinik Tübingen die Ochsentour der Patienten und das Rätseln der Ärzte. Jetzt haben sich dort Forscher im Zentrum für seltene Erkrankungen (ZSE) zusammengeschlossen. "Bei seltenen Erkrankungen sind oft mehrere Organe oder Systeme gleichzeitig betroffen", sagt der Leiter Olaf Riess, deshalb müssten die einzelnen Fachärzte komplexer denken und mehr miteinander reden. Der Tübinger Ansatz ist so etwas wie der Gegenentwurf zum engagierten Einzelkämpfer: Gemeinsam berät ein Fachärzteteam über jeden Fall, leitet alle Tests ein. Beim Verdacht auf eine Erbkrankheit werden die entsprechenden Gensequenzen analysiert. Für den Medizingenetiker Riess ist das ZSE eines seiner wichtigsten Forschungsprojekte – auch wenn es dafür kaum Geld gibt.

Mit der kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg streitet sich die Tübinger Uniklinik gerade um die Erstattung von 670.000 Euro aus dem vergangenen Jahr. Dabei geht es vor allem um Arzt- und Laborkosten für genetische Analysen, die der Klärung seltener Erkrankungen dienten. Für den laufenden Betrieb des neu eingeweihten Zentrums haben Fakultät und Klinik 100.000 Euro lockergemacht, davon will sich das ZSE jetzt zumindest eine Vollzeitkraft leisten, um die eingehenden Anfragen zu bewältigen. Weit über einhundert waren es allein seit der Eröffnung Mitte Januar. Jede steht für Rätselraten, Hilflosigkeit, die Hoffnung auf Diagnose – vielleicht sogar Heilung. 

Rheuma oder Diabetes ist ein Sammelsurium seltener Krankheiten

Besonders freut sich der Leiter darüber, dass die Zusammenarbeit mit der Industrie besser wird. "Noch vor fünf Jahren habe ich gepredigt, dass die Pharmafirmen kein Interesse haben", sagt Riess. Denn für sie bedeutete jede seltene Krankheit nur einen kleinen Markt. Weil aber bald für besonders viele Verkaufsschlager gegen Massenleiden der Patentschutz ausläuft, interessieren sich die Hersteller zunehmend für die Exoten. Pfizer, Produzent des Bestsellers Viagra, und auch GlaxoSmithKline, Hersteller des Diabetesmittels Avandia, stiegen kürzlich ins Geschäft mit den seltenen Krankheiten ein. Konkurrent Novartis brachte im Oktober ein Präparat mit dem Wirkstoff Canakinumab auf den Markt – gegen die sogenannten CAPS-Symptome, unter denen weltweit nur etwa 6500 Menschen leiden: Chronische Müdigkeit und fortschreitender Hörverlust quälen sie, im schlimmsten Fall droht Nierenversagen und damit der Tod.

Doch die Behandlung hat ihren Preis: Bis zu 111.000 US-Dollar koste das Präparat im Jahr, heißt es bei Novartis. Die meisten Waisen-Medikamente überschritten die Preisschwelle von einer Viertelmillion Dollar. Angesichts der teuren Entwicklung einer neuen Arznei – durchschnittlich etwa 2,6 Milliarden Euro – muss geringer Absatz eben durch hohe Preise wettgemacht werden.

Zudem gilt seit dem Jahr 2000 EU-weit eine Verordnung, die Anreize für die Entwicklung von orphan drugs setzen soll: Die europäische Zulassungsbehörde für Medikamente lockt mit einer erleichterten Zulassung und mit Schutz vor Wettbewerbern. Die Zahl neuer Waisen-Präparate stieg daraufhin spürbar an. Nicht nur medizinische Ausnahmefälle könnten davon profitieren. Denn die Beschäftigung mit den seltenen kann durchaus zum Verständnis von Volkskrankheiten beitragen. Massenleiden wie Diabetes und Parkinson haben tatsächlich ein viel weniger einheitliches Krankheitsbild als normalerweise angenommen; man könnte sie sogar als Sammelsurium seltener Krankheiten beschreiben, die eher zufällig zu den gleichen Symptomen führen. So kennt die Medizin 200 bis 400 einzelne Erkrankungen, die alle dem Überbegriff Rheuma zugeordnet werden. Kein Wunder, dass die üblichen Rheumatherapien mal erfolgreich sind, mal nicht.

Deshalb, meint der Münsteraner Thorsten Marquardt, könne das Wissen um seltene Krankheiten auch der Allgemeinheit nützen: Seit er sich anlässlich der Therapie des kleinen Abdullah intensiv mit dem Fucosestoffwechsel beschäftigte, verstehe er Rheuma erst richtig. Denn wie man mittlerweile wisse, könnten auch Fehler im Zuckerstoffwechsel zu den reißenden Schmerzen im Bewegungsapparat führen.

So rückt bei der Erforschung der orphan diseases gerade jene "individualisierte Medizin" in den Fokus, bei der für jeden Patienten eine persönlich zugeschnittene Behandlung gefordert wird. Marquardt ist sich sicher: "Von den Seltenen können wir noch unheimlich viel lernen."

Mehr Informationen zum Thema:

Der Patientenverband Eurordis informiert über neue EU-Gesetze und aktuelle klinische Studien weltweit.

International verknüpft die Care-for-Rare Stiftung Forschung und Klinik von seltenen Krankheiten, unterstützt mittellose Familien mit an seltenen Erkrankungen leidenden Kindern und fördert die Aus- und Weiterbildung von Studierenden, Ärzten und Wissenschaftlern.