Schon als er im Juli des Jahres 2008 das Feldlager übernahm, kam er mit einem Haufen Papier dort an, 17 eng bedruckte Seiten, mit Fußnoten: sein Konzept für Kundus. Als ein Abteilungsleiter im Auswärtigen Amt in Berlin davon erfuhr, sagte er zu einem seiner Kollegen: "Was hat der geschrieben? Ein Konzept für Afghanistan? Der muss verrückt sein. Niemand hier hat ein Konzept für Afghanistan."

Oberst Meyer unterrichtet an der Verwaltungshochschule Speyer zivilen Wiederaufbau, einige Offiziere nennen ihn deswegen spöttisch "den Professor". Er hat sich mit dem Vietnamkrieg beschäftigt und sich in ein Buch über den Kampf gegen Partisanen vertieft: Learning to Eat Soup with a Knife . Lernen, wie man Suppe mit dem Messer isst. Wie seine Vorgänger in Kundus glaubt auch er von Anfang an nicht an einen Sieg mit militärischen Mitteln. Er glaubt, dass die Bundeswehr nur gewinnen könne, wenn sie die afghanische Bevölkerung hinter sich bringe. Er glaubt an Strommasten, nicht an Scharfschützen. "Kollateralschäden darf es nicht geben", sagt Meyer. Er ist überzeugt von den Rules Of Engagement, dem Leitfaden der Isaf-Soldaten. Wir schützen den Wiederaufbau des Landes, so ist die Linie, wir jagen nicht die Taliban. Der Krieg, den Meyer führen will, ist ein deutscher Krieg. Er kommt ohne Panzerhaubitzen aus, ohne Feinde. Es ist ein sauberer Krieg, ein Werbefeldzug um die Herzen der Menschen.

Als Meyer in Kundus ankommt, passt das Land zu seinem Konzept. Der Kommandeur weiht neu gebaute Schulen und Gesundheitszentren ein, niemand schießt auf seine Soldaten. Eine Lagerhalle für Zwiebeln könnte Kundus gut gebrauchen, denkt Meyer. Er hat große Ziele. Er besorgt sich einen deutsch-afghanischen Koran und heuert einen Lehrer an, der ihm die Suren erklärt. "Der Koran erlaubt keine Korruption", sagt Meyer manchmal, wenn er mit Provinzräten spricht, und die Afghanen sagen verwundert: "Jetzt haben uns die Deutschen einen Mullah geschickt."

Meyer isst mit mächtigen Paschtunen zu Abend, diskutiert mit Imamen, notiert sich die Wünsche von Bürgermeistern: Medikamente, Brunnen, Strom. Aber die Wirklichkeit verträgt sich nicht mit seinen Ideen. Er hat ein eigenes Budget von 40.000 Dollar zur Verfügung, 40.000 Dollar für vier Monate, das reicht für kaum mehr als leere Versprechungen. Meyer kann die Wünsche der Afghanen bloß an die großen Organisationen melden, die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, die in langwierigen Verfahren über die Anträge entscheiden. Ein Kraftwerk, das begreifen die Afghanen schnell, baut ihnen der Deutsche nicht. Er kommt ihnen vor wie ein König ohne Land. Die Afghanen, die aussehen wie Zivilisten, denken in Kategorien des Krieges. Die Deutschen, die aussehen wie Krieger, denken in Kategorien des Friedens. Die Afghanen haben schon viele Kommandeure kommen und gehen sehen, und sie tun sich immer schwerer, die Fremden mit den großen Notizblöcken noch ernst zu nehmen.

Meyer betastet die verstörende Realität, sie beginnt beim Führungsstab in seinem eigenen Feldlager. Es gibt keine aktuelle Analyse der militärischen Lage, die letzte ist zwei Jahre alt. Alle Berichte über militärische Operationen werden pflichtschuldig zum Einsatzführungskommando in Geltow bei Potsdam geschickt. In Kundus findet Meyer nur wenige sortierte Daten, kein Archiv, nichts. Sein Feldlager ist ein Ort ohne Gedächtnis.

Meyer bezahlt afghanische Informanten, die dasselbe Wissen bereits an seine Vorgänger verkauft haben. Die Soldaten bleiben nur ein paar Monate, dann kommt schon das nächste Kontingent. Und das Einsatzführungskommando bei Potsdam lässt Meyer freie Hand. "Eine Führung existierte gar nicht", sagt Meyer in die leere Gaststube hinein.

Doch von Tag zu Tag entfernt sich Afghanistan mehr von dem Land, in dem Meyer bloß die Stabilität erhalten sollte. Aus Pakistan dringen Taliban ein, und in den Dörfern nahe dem deutschen Feldlager werden Flugblätter verteilt: Wer mit den Ungläubigen zusammenarbeitet, wird sterben. Auf einem Acker wird ein Feldarbeiter gefunden, der den Deutschen Informationen lieferte, hingerichtet mit 60 Schüssen. Irgendwann spricht sich herum: Auf Meyers Kopf sind 50.000 Dollar ausgesetzt.

Im Lager gehorcht weiterhin alles der deutschen Ordnung. Es gilt die Zwei-Dosen-Regel beim abendlichen Bier in einer Lagerkneipe, die Lummerland heißt. Es gilt die deutsche Haar- und Bartordnung, alles unterliegt einem Plan. Meyer hält sich an ihm fest wie ein Ertrinkender. Er hat sich viel mit Taktik beschäftigt, in taktische Schachzüge kann er sich verlieben, und wer die Taktik liebt, der hasst den Fehler. Begehen Soldaten Fehler, spricht Meyer gleich von "absoluten Fehlern". Immer öfter brüllt er seine Leute an: "Ich will Soldaten, keine Pfadfinder!" Als Soldaten draußen versehentlich ein Scharfschützengewehr mit Nachtsichtgerät liegen lassen, ist er außer sich: "Was ihr hier macht, ist Murks!" Das ist von nun an sein Satz.

Meyer will seinen sauberen Einsatz vor dem schmutzigen Krieg retten. Deswegen lehnt er es ab, mit afghanischen Warlords zu verhandeln, die sich ihm als Partner anbieten. Einen von ihnen, der sogar eine Isaf-Zugangskarte für das Lager besitzt, lässt Meyer aus dem Camp werfen. Einige Offiziere versuchen Meyer davon zu überzeugen, Kompromisse zu machen, aber er bleibt bei seiner Linie.

Nur sieben Wochen nach Meyers Antritt im Lager droht die Lage zu eskalieren: Ein afghanischer Polizist, der von den Deutschen ausgebildet wurde, wird ermordet, mit 30 Schüssen. Dem Bürgermeister eines Dorfes bei Kundus wird einer seiner Söhne vor die Tür gelegt, tot, mit aufgeschnittener Kehle. Es geht jetzt nicht mehr um Lagerhallen für Zwiebeln, und Meyer findet keine Antworten mehr in seinem Konzept. Seine Soldaten können keinen Guerillakrieg führen, sie dürfen es nicht. Bei seinen Vorgesetzten fordert er gepanzerte Fahrzeuge an. Er will seine Soldaten schützen vor dem Überfall der Wirklichkeit.

Da erfährt Meyer, dass einer seiner Hauptfeldwebel von einer Bombe in Stücke gerissen worden ist. Er saß in einem schlecht gepanzerten Geländewagen, als er den Kundus-Fluss durchquerte. Oberst Meyer ist blind vor Wut.

Er hatte seinen Brigadegeneral Jürgen Weigt in Masar-i-Scharif vor genau dieser Gefahr gewarnt. Und er hatte gefordert, dass Weigt ihm endlich die besser geschützten Fahrzeuge nach Kundus bringen lasse, die längst genehmigt waren. Doch der General, sagt Meyer, hielt diese Wagen für seine Besucher in Masar-i-Scharif zurück, für Politiker und Journalisten. Am Telefon gifteten sich die beiden an, Meyer wurde wieder laut. Und jetzt wird die Leiche eines Soldaten in den Kühlcontainer des Feldlagers verladen. Würde der Mann noch leben, wenn Brigadegeneral Weigt auf Meyer gehört hätte?

Meyer verbeißt sich in diese Vorstellung, kämpft gegen den eigenen General, gegen Soldaten, die er immer öfter zusammenschreit, gegen die Aufständischen in den Bergen, gegen das Misstrauen der Afghanen in den Dörfern, die mit Meyer von neuen Straßen träumten, nun aber plötzlich deutsche Soldaten in schwer gepanzerten Mungos und Dingos auf sich zurollen sehen. Meyers friedenssichernder Einsatz ist zu einem Mehrfrontenkrieg geworden.

Noch heute, im Gasthof, sagt er: "Mit meinen Gefühlen bin ich noch nicht wieder in Deutschland angekommen." Und noch heute will die Bundeswehr zum Fall Meyer nicht Stellung nehmen. Von nun an wird Meyer immer neue E-Mails und Briefe an die ZEIT schicken, fett gedruckte Richtigstellungen, kursiv gedruckte Anschuldigungen, die Feldpost eines schwer Verletzten.

Kundus ließ Meyer in einen Ausnahmezustand geraten. Nachdem draußen wieder ein Sprengsatz detoniert ist, fragt Meyer einen zurückkehrenden Soldaten: "Na, Bombenstimmung heute?" Er muss wahnsinnig geworden sein, glauben einige Offiziere. Aber vielleicht ist er nicht wahnsinniger als die Situation der Armee in Kundus. Christian Meyer verliert die Kontrolle, als die Truppe ihre Richtung verliert. Was soll sie in Afghanistan bewirken? Rebellen festnehmen? Brunnenlöcher bohren? Beides zugleich?

Nur wenige Tage nach dem Tod des Soldaten im Geländewagen soll der Verteidigungsminister in Kundus eintreffen. Meyer will eine kleine Ansprache halten. Aber als er morgens in sein Büro kommt, steht da schon Brigadegeneral Weigt und sagt: "Ich löse Sie von Ihrem Dienstposten ab."

Meyer bittet den General, sich von seiner Truppe offiziell verabschieden zu dürfen. Doch der General muss fürchten, dass ihm Meyer im Beisein des Ministers die Schuld am Tod eines Soldaten gibt. Weigt sagt ihm, dass er im Stabsbereich nichts mehr verloren habe, und Meyer geht auf seine Stube. Als er noch einmal in sein Büro läuft, um seine Dienstpistole zu holen, ist der Waffenschrank schon ausgeräumt. Auch sein Sturmgewehr ist weg. Stunden später sind alle seine Daten auf dem Computer gelöscht, auch sein warnender Brief an den General. In den Tagen danach befragt dessen Stellvertreter die Soldaten nach Meyers Führungsverhalten, ein Aktenordner voller Zeugenprotokolle und dienstlicher Erklärungen. So etwas hat es in Kundus noch nie gegeben.

Jetzt sitzt er da, ein geschasster Kommandeur unter Hirschgeweihen, und er sagt, er habe sich einen Rechtsanwalt genommen. Er habe den Soldaten, die über ihn aussagten, geschrieben, seinem Ermittler auch, er rufe sie immer wieder an, aber selbst auf der Großen Kommandeurstagung habe man ihn geschnitten. Meyer will seine Biografie aus den Trümmern von Kundus retten. Er sagt, er fühle sich manchmal wie Oberst Klein, genauso allein gelassen. Die Bundeswehr hat Meyer in einer Abteilung für ausländische Katastrophenhilfe versteckt: Schneechaos, Brände – es ist die kleinste Abteilung der ganzen Heeresführung.