Herr Meyer, was haben Sie in Kundus erreicht?

"Ein paar Schulen habe ich eingeweiht, das war’s."

Gibt es einen Kommandeur, der mehr erreicht hat?

"Ich kenne keinen."

Es ist kalt geworden in Kundus. Der Februar des Jahres 2010 hat ungewöhnlich viel Schnee gebracht, und die Generatoren müssen hart arbeiten, damit es warm wird in den Zelten der Soldaten. Kai Rohrschneider, der Kommandeur des Lagers, hat nicht mehr viel Zeit, an seinem Abschlussbericht zu schreiben. Bald kommt sein Nachfolger, der Kommandeur des 22. Kontingents, das die Soldaten "den 22. Versuch" nennen werden. Wenn Rohrschneider sagen soll, was er dem Neuen hinterlassen möchte, antwortet er: "Eine gute Ausgangslage." Die hat er kurz vor Weihnachten erkämpft, und er hofft, dass er die Höhe 431 halten wird.

Schon Kommandeur Meyer lag im August 2008 auf diesem kahlen Hügel im Staub und prüfte, wie weit er von dort oben gucken konnte. Seither haben alle Bundeswehrkommandeure versucht, den Hügel einzunehmen. Mehrmals ist es ihnen gelungen. Mehrmals sind sie daran gescheitert, ihn zu halten. Man kann den deutschen Krieg in Kundus auf diesen Ort reduzieren, weil sich vieles an ihm zeigt.

Die Höhe 431 liegt etwa zwölf Kilometer vom Lager entfernt, in einem Gebiet, das die Deutschen fürchten, "Indianerland" nennen sie es. Im Distrikt Chahar Darreh haben sich Aufständische und Taliban verschanzt, auf der Straße werden die Deutschen beschossen, Schotterwege sind durchsetzt von Sprengfallen.

Kommandeur Buske bleibt keine Wahl: Er muss die Schutzwälle erweitern

Von der Höhe 431 hat man einen guten Ausblick auf die staubige Ebene, in der all die verwinkelten Siedlungen liegen, in die sich die Soldaten kaum noch wagen. Höhe 431 suggeriert einen Überblick über die verworrene Lage unten, wo einzelne Kämpfer mit Maschinengewehren in der Lage sind, eine deutsche Kompanie stundenlang aufzuhalten, weil die schweren Fahrzeuge der Bundeswehr in den tief eingeschnittenen Tälern nicht wendig genug sind. Steigen die Soldaten ab und versuchen es im Nahkampf, verschwinden die Taliban auf ihren Motorrädern und locken sie in einen Hinterhalt. Verschanzen sich die Taliban in einem Dorf, haben sie ohnehin gewonnen, weil die Deutschen es niemals wagen, einen Ort voller Frauen und Kinder anzugreifen. Versucht es ein Kommandeur mit einem Luftschlag, wie am 4. September 2009, muss er sich hinterher in einem politischen Untersuchungsausschuss verantworten. Auch deswegen ist die Höhe 431 ein Fluchtpunkt: Man beobachtet den Krieg, nimmt aber selten an ihm teil.

Der Kommandeur hat die Höhe 431 zur Chefsache erklärt: ein lehmbrauner Hügel, 40 Meter hoch, 70 Meter breit, Tag und Nacht von 40 deutschen Soldaten gesichert, die sich oben eine Notunterkunft gebaut haben, befestigt mit Sandsäcken und einem Wall. Am Fuße des Hügels: Dixi-Toiletten. Der einzig sichtbare deutsche Erfolg in der Schlacht um Kundus, geführt mit 1300 Soldaten, Mörsern, Schützenpanzern, hoch entwickelten Aufklärungsdrohnen.

Die Deutschen, so trostlos ist in Kundus die Lage, können diesen Kampf nicht gewinnen. Aber sie haben auch nicht den Mut zu kapitulieren. Wenn es bald wieder Tote geben sollte, dann wird es vielleicht um die Verteidigung dieses bedeutungslosen Hügels gegangen sein. Zeichnet man auf einer Karte der Provinz Kundus alle Orte ein, die unter der Kontrolle der Bundeswehr stehen, in einer Region, dreimal so groß wie das Saarland, dann bleiben am Ende nur das Feldlager übrig, der benachbarte Flugplatz – und der Hügel 431. Dafür sollen Soldaten ihr Leben einsetzen?

Der Krieg beginnt schon an Rainer Buske zu zerren, kurz nachdem er Kommandeur Meyer in Kundus abgelöst hat. Nacht für Nacht schicken die Taliban jetzt ihre Raketen. Pünktlich nach Einbruch der Dunkelheit, pünktlich nach dem Abendgebet. Erst das lang gezogene Jaulen, drei bis vier Sekunden, dann die Detonation. Aus drei Kilometer Entfernung kommen die chinesischen BM-1-Geschosse, im Gefechtskopf vier Kilogramm Sprengstoff.

Nachts schreckt Buske bei jedem Geräusch hoch, die ständige Anspannung, die Migräneattacken. Nur noch durchhalten, denkt er.

"Das Schlimmste", sagt Buske, "war die Ohnmacht."

Buske sitzt in einem Reihenhaus in London-Northwood, ein großer, nachdenklicher Mann in Tarnfleckanzug, die schweren Stiefel im Flur sauber aufgestellt. In der Einfahrt parkt sein Kleinwagen, hinter dem Haus liegt still der Garten. Die Bundeswehr hat Buske zum Nato-Verbindungsoffizier in England berufen, ihm eine Ehrenmedaille in Silber verliehen, und bei der Zeremonie zu seinem Abschied nannte man ihn "einen der feinsten und edelsten Offiziere in unseren Reihen".

Buske ist blass. Im Wohnzimmer liegen Erinnerungsstücke aus Afghanistan wie Mitbringsel aus einem fernen Urlaub: eine muslimische Gebetskette, ein Schachbrett. Nachts, erzählt er, rissen ihn die Flugzeuge im Landeanflug auf Heathrow aus dem Schlaf, ihre gedrosselten Turbinen klängen wie die Raketen der Taliban. Da sind die Flashbacks. Und immer wieder diese Fragen: War es das wert? Was ist geblieben von unseren Zielen?

"Bloß keine Toten", sagt Buske, "das war am Ende mein Ziel."

Oberst Rainer Buske, Soldat im 36. Berufsjahr, ist ein bescheidener und überlegter Mann. Drei Jahre hat er noch bis zur Pensionierung. Im Kosovo wurde er angeschossen, in Kundus ist er in jenen Monaten bereits zum zweiten Mal Kommandeur.

Im Oktober 2008 drücken noch immer 30 Grad Hitze, und immer mehr Terroristen sickern nach Kundus ein, frisch ausgebildete Kämpfer mit gefüllter Kriegskasse. Buske sorgt sich um seine Männer, seine "Jungs", wie er sie nennt. Immer häufiger sitzen sie jetzt mit Angst in den Augen in seinem Büro, junge Burschen, die vor Kurzem noch zur Schule gingen. Beim Kontingentfest greift er sich eine E-Gitarre und spielt Pink Floyd. Buske will Zuversicht vermitteln. Ein Kommandeur, glaubt er, muss in erster Linie Vorbild sein.

Es ist ein diesiger Sonntagmorgen, der 20. Oktober 2008, als sich ein Bundeswehrkonvoi über die staubigen Feldwege in Richtung des Dorfes Haji Amanullah schiebt. Aufständische sollen sich dort verschanzt haben. Immer wieder sind die Deutschen aus dieser Richtung beschossen worden. Jetzt will Buske die Schützen zu fassen kriegen.

Um drei Uhr früh ist er mit 160 Fallschirmjägern aufgebrochen. Normalerweise bleibt er im sicheren Gefechtsstand, aber dieses Mal will Buske ein Zeichen setzen.

Die Bilder des Attentats lassen den Oberst bis heute nicht los

In den nächsten Stunden sichern seine Leute die Zufahrtswege zum Dorf, während die afghanische Armee die Häuser durchsucht. Es ist schon Mittag, als Buske zum Aufbruch zurück ins Lager mahnt. Die Bundeswehr auf einem Feldweg – das ist ein Ziel, das sich schnell herumspricht.

Doch dann findet einer der Sicherungsposten eine Sprengfalle am Wegesrand, sie könnten jetzt einfach weiterfahren, aber Buske weist den Spezialisten an, sie noch zu entschärfen – auch aus Sorge um Zivilisten. Es dauert zehn Minuten, zwanzig, dreißig. Buske weiß, dass afghanische spotter überall stehen und mit ihren Handys Taliban informieren. Eine Gruppe von Kindern sammelt sich um den Konvoi, Buske sieht auf seine Uhr, die Kinder fragen nach Süßigkeiten und Kugelschreibern, Soldaten verteilen Wasserflaschen. Niemand bemerkt den Fahrradfahrer, der sich nähert.

Dann knallt es.