Nach Kriegsende gab er seine 50 russischen Panzer ab, sein Geld verdiente er jetzt mit Heroin und dem Verkauf seines Waffenlagers, russische Kalaschnikows, 300 Dollar das Stück. Seine Milizen vermietet er. Zum Beispiel, um die Bauprojekte der Ausländer zu schützen.

Mir Allam servierte Buske Tee, dann zeigte er ihm seine Buskaschi-Hengste, 50.000 Dollar das Stück. Er präsentierte stolz seine Söhne.

Buske wusste, dass Mir Allam lange auf diese Gelegenheit hingearbeitet hatte. Buske ahnte, dass auch Mir Allam Raketen ins Lager schickte. Er wusste, dass er mit ihm spielte.

Was Mir Allam für die Sicherheit in Kundus tun könne, fragte Buske ihn.

Mir Allam lächelte. Sein Preis sei nicht Geld.

Was er sich vorstelle, fragte Buske.

Der Posten des Polizeichefs würde ihn reizen, sagte Mir Allam.

So weit könne er nicht gehen, entgegnete Buske.

Als Aufbauhelfer war er gekommen und ist als Veteran gegangen. "Ich könnte Geschichten vom Krieg erzählen", sagt er, "aber Afghanistan interessiert niemanden in Deutschland." Als er neulich morgens in der Einfahrt den englischen Müllmann traf, klopfte der ihm auf seine Uniformschulter: "Hey man, thank you." In Deutschland, so nimmt er es wahr, gilt er vielen als Besatzer.

Buske sagt: "Es geht doch darum, ob Afghanistan eine Zukunft hat. Wenn wir es ernst meinen, müssen wir 20 Jahre dort bleiben, mindestens."

Es ist der 6. April 2009, als die Bundeskanzlerin im Büro des Kommandeurs von Kundus sitzt. Wieder gibt es einen Wechsel: Auf Buske folgte Uwe Bennecke. Und auf Bennecke folgt an diesem Tage Oberst Klein. Er hat Angela Merkel gerade vom Hubschrauberlandeplatz abgeholt, jetzt führt ihr Bennecke, der scheidende Kommandeur, die Lage mithilfe einer PowerPoint-Präsentation vor. Merkel hat drei Stunden Zeit, der Kommandeur muss sich kurz fassen. Es sei wichtig, die "hearts and minds" der Bevölkerung zu erreichen, referiert er und erwähnt die Fortschritte beim "partnering" mit der afghanischen Armee. Er spricht wie ein Sozialarbeiter. In seinen dreiminütigen Vortrag baut er Fotos ein, die lachende Mullahs zeigen, denen er Gebetsteppiche geschenkt hat; Fotos vom neuen Frauensender in Kundus-Stadt, dem er Generatoren gestiftet hat. Frauen arbeiten wieder, sagt er, dies sei eine gute Nachricht. Er glaubt, das könne die Kanzlerin als Frau interessieren.

Uwe Bennecke war das, was die Soldaten in Kundus einen "glücklichen Winterkommandeur" nennen. Es gab keine Toten, keine "Vorkommnisse". Bennecke konnte etwas erzeugen, was der Regierung in Berlin heilig ist: Unauffälligkeit. Er konnte den Krieg verstecken vor den Augen des Volkes.

"Gemeinsam waren wir stark und erfolgreich", schreibt Bennecke in das Abschlussbuch seines Kontingents. "Wir wollten etwas bewegen, auf der Grundlage unserer Vorgänger aufbauen und unseren Erfolg in Kundus ausbauen. Das ist uns gelungen."

Sobald Bennecke zurück in Deutschland ist, wird er im Verteidigungsministerium das Büro eines Referatsleiters beziehen. Ein Aufstieg.

Wer verstehen will, warum sich die Lage in der Provinz Kundus von Jahr zu Jahr verschlimmert hat, sollte sich auch das vor Augen führen: Die Wahrheit befördert keine Karrieren. Die Wahrheit von Kundus kennt keine Profiteure.

Als Oberst Klein im Feldlager das Kommando übernimmt, werden seine Soldaten bald in achtstündige Gefechte verwickelt, sie stehen bislang unbekannten Formationen von 50 bis 100 Kämpfern gegenüber, sie müssen von amerikanischen Kampfbombern aus Hinterhalten befreit werden. Manche Offiziere beschaffen sich heimlich Bücher über die Taktik der israelischen Armee im Guerillakrieg, andere legen immer noch liebevolle Profile afghanischer Siedlungen an, zehnseitige Dokumente, in denen sie vermerken, ob die Bewohner eine "landestypische Trockentoilette" benutzen. Aber kein Kommandeur wagt es, die Lage zu beschreiben als das, was sie ist: ein Drama.

Das Drama hat eine politische Dimension, weil sich eine Kaskade der Verschleierung durchsetzt, die vom Feldwebel in Kundus bis zur Kanzlerin reicht. Die Lage hat sich stark verschlechtert, aber die Analyse der Politiker ändert sich kaum. Sie reden über den folgenschweren Fehler des Obersts Klein, aber niemand will den Versuch unternehmen, den Sinn dieses Einsatzes verständlich zu erklären. Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt, sagte der Verteidigungsminister Peter Struck vor sechs Jahren. Gilt das noch? Wann wäre der Einsatz gelungen und zu Ende – in zehn Jahren, fünfzig, hundert? Ein Kommandeur, der aus Berlin keine Argumente hört, muss glauben, in Kundus die Operation Sisyphos zu leiten.

Im Februar 2010 wird Kommandeur Rohrschneider hoher Besuch angekündigt. Der Kommandeur wird ihn in seinem Gartenhäuschen empfangen, das er afghanisch eingerichtet hat, mit Sitzkissen und Teetischen. Der Besucher wird sich mit "Herr General" ansprechen lassen. Gerade erst hat er drei Al-Qaida-Kämpfer gefangen und sie den Amerikanern verkauft, gegen Cash.

Im Jahr 2014 wolle die Bundeswehr abziehen, hat die Kanzlerin erklärt. Die Bundeswehr hat das rote Kreuz von ihrem Sanitätsfahrzeug abmontiert, weil es immer als Erstes beschossen wird, und in den Nächten tasten sich die Soldaten mit Taschenlampen durch das stockfinstere Lager; die Fenster ihrer Zelte haben sie abgeklebt – kein Lichtstrahl darf dem Feind den Weg weisen. Der Mann vom Auswärtigen Amt kontrolliert seine Bauprojekte, indem er sich von Einheimischen Polaroidfotos bringen lässt. Jeder vierte afghanische Polizist wird in seinem ersten Dienstjahr ermordet. Die Deutschen trauen sich nur noch nach Kundus-Stadt. Der Rest: Indianerland.

Als Kommandeur Rohrschneider vor wenigen Monaten am Kundus-Fluss das Bauschild einer neuen Brücke aufstellen ließ, umringte ihn ein Wall aus Panzern. 60 Mann sicherten die Ufer. Es gibt feierliche Bilder von dieser Szene, der Gouverneur war da und lokale Würdenträger. Es sind optimistische Bilder, Bilder ohne Panzer. Doch weil gleich am nächsten Tag der Beschuss anfing, ist danach kein Stein gesetzt worden.

Der Besucher, auf den Kai Rohrschneider wartet, ist Mitte 50, trägt einen ungepflegten Bart und hat eine Vorliebe für Whisky. Er kann nicht lesen und nicht schreiben, aber das Handwerk des Krieges beherrscht er wie kein anderer. 300 Mann hat Mir Allam, der Warlord, inzwischen unter Waffen. Er hat bereits begonnen, in einigen Dörfern Ruhe zu schaffen. Doch seine Milizen, heißt es, würden unruhig. Die Deutschen verhandeln nur über Bauaufträge, sie wollen kein Geld geben und keine Macht. Mir Allam aber will noch immer Polizeichef werden, ein Mann, den sie "den Schlächter von Kundus" nannten.

Den letzten Termin im Feldlager der Deutschen ließ Mir Allam kurz vorher platzen. Er hat Grund, sich ihnen überlegen zu fühlen. Er ist so etwas wie die letzte Hoffnung der Bundeswehr: ein Kriegsverbrecher mit einem Leberproblem und vier Frauen.