Bunzl hat noch ein weiteres Argument gegen die massive Förderung der Geoengineering-Forschung: "Wenn Forschungsprogramme einmal gewählt sind, gibt es soziologische Kräfte, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es auch eine praktische Entwicklung geben wird."

Aber muss die Menschheit angesichts des Klimawandels nicht jede Möglichkeit ausloten, um seine Folgen zu mildern? Der Kanadier David Keith ist genervt von der "Alles oder nichts"-Haltung, mit der viele Umweltschützer die Frage angehen: Entweder wir schaffen es, die Emissionen zu verringern und so das Klima zu retten, oder wir gehen alle gemeinsam unter. Da stimmen ihm selbst Forscher zu, die allzu forschem Geoengineering gegenüber reserviert sind.

Die Welt sei "gelähmt vom CO₂-Problem", sagt Peter Wilderer vom Institute for Advanced Study der Technischen Universität München , der eines der Diskussionsforen bei der AAAS-Konferenz organisiert hat. Auf einen einzigen Faktor zu starren – sei es das CO₂ oder die Temperatur – führe nicht weiter, man müsse dazu übergehen, earth system engineering zu betreiben, "Erdsystemmanagement".

Seit mindestens 150 Jahren betreibe die Menschheit Geoengineering, allerdings ungeplantes. "Wenn wir einen negativen Effekt auf das System Erde haben können", sagt Wilderer, "dann sollten wir auch in der Lage sein, diesen Effekt umzukehren." Ähnlich formulierte es der Ökonom Gernot Klepper, Sprecher des Kiel Earth Institute , beim ZEIT-Wissenschaftsforum: "Wir müssen viel intelligenter mit dem Engineering unseres Planeten umgehen. Das heißt, mehr Management und nicht weniger, mehr Eingriff und intelligenterer Eingriff." Ein Zurück zu einem Zustand, in dem der Planet sich selbst ins Lot bringt, ist bei sieben Milliarden Menschen nur romantische Schwärmerei.

Was er unter Erdsystemmanagement versteht, beschrieb Brad Allenby von der Arizona State University auf der AAAS-Tagung: Weg von simplen Modellen, die nur eine physikalische Größe betrachten. Vorsichtiges Agieren angesichts der Komplexität des Systems. Nur Maßnahmen ergreifen, die inhärent sicher sind und nicht zu einer Katastrophe führen, wenn sie schiefgehen. "Wir müssen Geoengineering begreifen als eine Option in einem Portfolio von Maßnahmen."

Stellt sich die Frage: Wer ist der Portfoliomanager? Die Wissenschaftler sind sich einig, dass so schwer wiegende Entscheidungen nur von einem internationalen Gremium getroffen werden könnten, etwa von einem UN-Büro für das System Erde. Internationale Verträge wie die Klimarahmenkonvention oder die seit 1977 bestehende UN-Konvention gegen militärische Manipulationen des Wetters müssten erweitert werden, um Alleingänge einzelner Staaten auszuschließen. "Wenn China im Jahr 2030 aufwacht und feststellt, dass die Klimafolgen unakzeptabel sind", sagt David Keith, "dann sind die vielleicht gar nicht an einer moralischen Diskussion darüber interessiert. Und wir haben keinen internationalen Mechanismus, der festlegt, wer dann die Entscheidung trifft."

*Anm. d. Redaktion: An dieser Stelle befand sich ein Zitat, das im Kontext missverständlich war. Wir haben es entfernt.

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