Wie das Wetter, so durchläuft auch die Diskussion um die globale Erwärmung Hoch- und Tiefphasen. Hoch waren die Erwartungen an den Klimagipfel. Der Nobelpreis für den Weltklimarat IPCC erhob dessen Vorsitzenden Rajenda Pachauri zur verehrten Galionsfigur. Der jüngste Bericht des Rats wurde hochgejubelt zur "Klima-Bibel", der nur noch Ketzer widersprechen konnten. Unsere Lebensweise wurde auf Klimawirksamkeit geprüft . CO₂-Fußabdrücke für Essen, Wohnen, Reisen wurden kalkuliert und kompensiert.

Nun das Tief: Kopenhagen ist gescheitert , Pachauri mit Rücktrittsforderungen konfrontiert, die "Bibel" als fehlerhaftes Menschenwerk entzaubert. Und die größten "Klimasünder" heizen unverdrossen weiter – wegen der Wirtschaftskrise.

Deprimierend? Nicht nur. Hier bietet sich die Chance, Falsches von Fakten zu trennen, den Schutz unseres Planeten ganzheitlich und nicht nur durch die CO₂-Brille zu betrachten.

Milliarden Menschen verändern den Planeten zu Wasser und zu Lande, samt seiner Atmosphäre. Gepflügte Böden, gerodete Wälder, geplünderte Ozeane – all das ist nicht nur klimawirksam, sondern bedroht auch die Biodiversität . Deren Schutz ist ebenso wichtig wie jener des Klimas – und er stagniert ebenfalls. Ein doppelter Grund, die planlose Bewirtschaftung des Planeten durch eine nachhaltige Nutzung zu ersetzen, die allen dient.

"Erdsystemmanagement", so heißt das Ziel, das weltweit eine wachsende Zahl von Forschern propagiert. Unter ihnen ist Klaus Töpfer , ehemals Bundesumweltminister und Direktor des UN-Umweltprogramms Unep. Der 72-Jährige, nun Gründungsdirektor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam , fordert dringend weiteren Klimaschutz – aber auch eine grundsätzliche Bestandsaufnahme und Perspektivdiskussion, ohne dabei alles dem Klimawandel unterzuordnen. Und er plädiert für mehr Besonnenheit, auch in der Wissenschaft: "Nicht mehr Ideologie, sondern mehr kritische Toleranz ist erforderlich."

Ähnlich denkt auch der Gründer eines weiteren neuen Klimainstituts, der Belgier Guy Brasseur. Nach führenden Funktionen in der Forschung und beim IPCC leitet er nun das Hamburger Climate Service Center (siehe Interview) . Er hält nüchternen Pragmatismus für notwendig – und förderlich: Als er kürzlich China besuchte, da staunte er über die dortige Bereitschaft, Windkraft, Photovoltaik oder Elektrofahrzeuge einzusetzen. Wer die Chinesen jedoch als "Klimasünder" anprangere und ihnen Vorschriften mache, der sorge für Konfrontation statt Kooperation. Mehr Toleranz kann besseren Schutz bedeuten.