Nicht schon wieder! – Seite 1

1. Griechenland braucht Retter, der Finanzmarkt ist nervös. Hieß es nicht mal, die Krise sei vorbei?

Tatsächlich, zum Jahreswechsel bestand noch viel Grund zur Fröhlichkeit. Die Krise schien sich in Wohlgefallen aufzulösen. Das Wachstum war zurückgekehrt. Angeführt von den USA, deren Wirtschaft im vierten Quartal 2009 aufs Jahr gerechnet um fast sechs Prozent zulegte, ging es den Industrieländern besser als erwartet. Und von Brasilien bis Indien boomten die Schwellenländer samt ihrer Börsen.

In Wahrheit tut diese Krise jedoch nur, was man schon von ihr kennt: Sie zeigt neue Gesichter. Mit Griechenland ist nicht bloß ein EU-Staat vom Bankrott bedroht, auch die gemeinsame europäische Währung steht unter Druck – was übrigens erklärt, warum der Dollarkurs auf einmal steigt. Wie schon beim drohenden Bankendomino Ende 2008 ist auch diesmal die Logik der Rettung unabweisbar: Retten Deutschland und Co. die Griechen nicht, könnte es zum Staatendomino kommen, samt Exporteinbußen und neuen Nöten im Finanzsektor. Aber auch die Rettung würde teuer und triebe die Krisenrechnung weiter in luftige Höhen. 

Wie instabil der kleine Aufschwung ist, zeigen auch die nervös nach oben und unten zuckenden Börsen. Der kleinste Hinweis auf Zinserhöhungen irgendwo in der Welt, und die Kurse krachen ab – nicht nur in den westlichen Industrienationen, sondern zuletzt vor allem in den Schwellenländern, die der Welt doch den Weg aus der Krise weisen sollten.

Kein Wunder, dass auch Banken weiterhin zu den gefährdeten Spezies gehören. Wie der Fall Griechenland zeigt, drehen sie längst wieder das große Rad mit gefährlichen Papieren, wie sie die Finanzkrise erst so richtig in Fahrt brachten. Weil außerdem Industrieunternehmen und Dienstleister in Rekordzahl pleitegehen, drohen weitere Kreditausfälle. All das macht die kommende Wegstrecke für die Weltwirtschaft zum Abenteuer. Die Privatwirtschaft baut weiter ihre übermäßigen Schulden ab. Die Staaten gleichen das mühsam aus und verschulden sich über die Maßen.

Das Ende kennt niemand, doch auf Jahre hinaus müssen wir mit zwei großen Risiken leben. Nummer eins: Den Staaten geht der Atem zu früh aus, der Aufschwung bricht ab, und der Westen versinkt so wie einst Japan in der großen Stagnation. Nummer zwei: Die Staaten halten durch, die große Geldmaschine läuft wieder an, und weil die Notenbanken nicht rechtzeitig gegensteuern, kommt es zu einer gewaltigen Inflation.

Was hat die Politik jetzt zu tun?

2. Mit anderen Worten, wir stehen noch recht nahe am Abgrund. Was hat die Politik jetzt zu tun?

Man muss jetzt erst einmal das drängendste Problem lösen: Griechenland vor dem Staatsbankrott retten. Hinter den Kulissen ist das bereits, trotz des öffentlichen Hin und Her, eine beschlossene Sache. Es geht nur noch um das Wie: Soll der Internationale Währungsfonds mitmischen oder nicht (Der Bundesfinanzminister und die Europäische Zentralbank sind dagegen, weil sie fürchten, dass der von den Amerikanern dominierte Fonds in Europa Einfluss nimmt, die Kanzlerin sieht die Sache gelassener)? Welchen Anteil an den Kosten muss Deutschland tragen, die finanzstärkste Volkswirtschaft im Euro-Raum?

All das wird in den kommenden Tagen entschieden. Für Deutschland wird es wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) einen Teil der griechischen Staatsanleihen aufkauft. Das ist für den Steuerzahler nicht zwingend mit Verlusten verbunden, denn die Griechen müssen der KfW das Geld mit Zinsen zurückzahlen. Es sei denn, sie verweigern eines Tages die Rückzahlung komplett.

Langfristig hat die Politik aber eine noch viel umfangreichere Aufgabe zu schultern. Die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft müssen weg. Länder wie Griechenland, aber auch die USA oder Großbritannien haben über ihre Verhältnisse gelebt, viel konsumiert und sich das Geld dafür anderswo besorgt. Andere Länder wie Deutschland oder Japan haben dagegen vergleichsweise wenig konsumiert, aber die Weltmärkte mit ihren Exportgütern beglückt. Auch deshalb sind jetzt viele Länder in Finanznöten.

Das Problem dabei: Alle Erfahrung zeigt, dass es sehr schwer ist, die Schulden allein durch Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in den Griff zu bekommen. Eine hastige Sparpolitik kann sich bei dem Unterfangen sogar als kontraproduktiv erweisen, wenn die Konjunktur gebremst wird. Dann leiden übrigens auch Exportländer wie Deutschland. Wenn Griechen, Amerikaner, Briten und Spanier gleichzeitig sparen, fehlt hierzulande die Nachfrage.

Ein kleines Rechenbeispiel: Um die Staatshaushalte in Südeuropa wieder in Einklang mit den europäischen Regeln zu bringen, wären Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen in Höhe von rund 120 Milliarden Euro nötig. Das entspricht etwa dem Wert der deutschen Ausfuhren in jene Staaten, die sich auf 102 Milliarden Euro belaufen. Es ist deshalb auch im deutschen Interesse, wenn die Schuldenstaaten nicht allzu rabiat sparen – und im Notfall Unterstützung aus dem Ausland erhalten.

Im Idealfall würde der Etat über höheres Wachstum konsolidiert werden, dann verschwindet zumindest ein Teil der Schulden fast von selbst. Nur ist es im Augenblick in den USA, in Großbritannien oder Südeuropa schwierig, mehr Wachstum zu erzeugen. Man kann beispielsweise nicht einfach den Konsum zusätzlich anregen und auf diese Weise die Wirtschaft beleben. Die privaten Haushalte sind dort mindestens genauso überschuldet wie der Staat. Das war ja ein wesentlicher Bestandteil der großen weltwirtschaftlichen Schieflage, der in die Krise führten.

Gesünder wäre es jedenfalls, wenn Länder mit Problemen jetzt mehr Investitionen wagten. Sprich: Geld leihen und es produktiv investieren, sodass in den kommenden Jahren zusätzliches Wachstum entsteht. Den zu bezahlenden Kreditzinsen stehen dann entsprechende Einnahmen gegenüber. Es geht den Amerikanern und Briten ja auch deshalb schlecht, weil sie ihr Kapital in den Bau von Einfamilienhäusern gesteckt haben, statt den Maschinenpark zu modernisieren.

Welcher Unternehmer steckt in einer solchen Lage Geld in Zukunftsprojekte?

3. Welcher Unternehmer steckt in einer solchen Lage Geld in Zukunftsprojekte?

Bei aller Ambivalenz in den Wirtschaftsdaten dieser Tage, eines ist eindeutig: Die Welt investiert zu wenig. Insgesamt nehmen die privaten Firmen in den Industriestaaten derzeit gut sieben Prozent mehr ein, als sie wieder ausgeben. Die Wirtschaft hortet Kapital oder löst Schulden auf, um von dem riesigen Berg an Ausständen herunterzukommen. In den USA etwa hatten die Privaten im Boom Schulden aufgenommen wie nie zuvor.

Das alles ist nicht gerade der Stoff, aus dem ein sich selbst tragender Aufschwung gemacht ist. Und gerade deshalb gilt: Stützten die Staaten die Konjunktur nicht massiv, wären wir längst in der Depression gelandet. Tatsächlich gibt es aber gute Gründe für Unternehmen, gerade in der Krise massiv zu investieren. Genau jetzt, während alle sparen, können sie mit kräftigen Investitionen dauerhaft Marktanteile gewinnen. Das erklären etwa die Experten der Boston Consulting Group, David Rhodes und Daniel Stelter, in einem Buch über Krisenstrategien.

Doch selbst wenn die Unternehmenslenker das wollen, bleibt noch ein anderes Problem: Das Kapital ist knapp geworden. Der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle hat gerade vor einer breitflächigen Kreditklemme gewarnt. Die würde bedeuten, dass die Banken selbst exzellenten Schuldnern kein Geld mehr bewilligen. Tatsächlich übertreiben Banker gerne, im Boom sind sie zu mutig, in der Krise zu vorsichtig. Nun müssen viele Banken gerade wieder Kapital abschreiben oder niedriger bewerten als zuvor, Anleihen für Griechenland ebenso wie Kredite an marode Firmen. Und je mehr der Aufschwung infrage steht, umso weniger werden sie sich auf neue Kredite einlassen. Ob nun die Firmen zuerst von selbst Kredite meiden oder die Banken prinzipiell Nein sagen – es droht eine Kapitalspirale nach unten. Um Abhilfe zu schaffen, sollte auch Berlin mehr über eine Politik für Investitionen und Innovationen reden. Und zwar dringend.

Hieß es nicht, dass China und Co. uns mit ihrer Nachfrage aus der Krise helfen?

4. Hieß es nicht 2009, dass China, Brasilien und Co. uns mit ihrer Nachfrage aus der Krise helfen?

Zunächst einmal: Irgendwer auf der Welt muss künftig mehr konsumieren, damit sich anderswo das zusätzliche Produzieren und Investieren lohnt. Sonst können die globalen Ungleichgewichte nicht abgebaut werden. Wenn Amerikaner, Griechen oder Briten kürzer treten, müssen andere Länder als Verbraucher einspringen – neben Deutschland und Japan sind da vor allem die Schwellenländer gefragt.

Lange Zeit schien das kein Problem zu sein, denn Brasilien, Polen, Russland, Indien und andere waren unersättlich. Der (inzwischen von China überholte) Exportweltmeister Deutschland etwa verdankte diesen Ländern zwischen 2000 und 2007 ein Drittel des Zuwachses bei den Ausfuhren. Und unerwartet früh nach der Krise glänzten einige dieser Länder schon wieder mit beeindruckenden Wachstumsziffern. Bloß sind seither neue Zweifel daran gewachsen, dass dieser Aufschwung stabil und nachhaltig sein kann.

China beispielsweise hat zwar ein großes Programm für seine Binnenkonjunktur aufgelegt, setzt aber nach wie vor hauptsächlich auf Exporte. Doch war das nicht genau eine Ursache der weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte? Auch Brasilien setzt auf den Exportsektor, und zwar maßgeblich auf Rohstoff- und Nahrungsmittelausfuhren an den Exportstar China. Und Russland wettet auf anziehende Öl- und Gaspreise, wenn in Exportstaaten wie China der Industriemotor wieder anspringt, so wie schon vor der Krise.

Schnell merkt man: Ein Weg zu einer balancierteren Weltwirtschaft wird da offensichtlich nicht gebahnt. Allen guten Wachstumskennziffern, die da auf den ersten Blick erkennbar sind, zum Trotz.

Nützt es etwas, wenn man wenigstens den Spekulanten das Handwerk legt?

5. Nützt es etwas, wenn man wenigstens den Spekulanten das Handwerk legt?

Spekulanten lieben Krisenzeiten. Sie setzen ihr Geld darauf, dass andere scheitern: Firmen, Banken, Währungen und ganze Staaten. Derzeit zum Beispiel kursieren viele Gerüchte über eine Verschwörung gegen den Euro und gegen das britische Pfund. Auf diese Weise verdienen Finanzakteure, deren Geschäftswelt doch gerade erst von den Staaten teuer gerettet wurde, nun an der öffentlichen Schuldenkrise.

Sicher haben einige Hedgefonds auch exzellent verdient, weil sie die Entwicklung einer Währung richtig einschätzen oder gar den Wechselkurs für kurze Zeit in eine Richtung lenken konnten. Doch auf dem Euro-Dollar-Markt werden jeden Tag mehr als 1000 Milliarden Dollar umgeschlagen. Gegen solche Größenordnungen kommen auch Hedgefonds dauerhaft nicht an.

Gegen Griechenland spekulieren dieser Tage viele Akteure. Sie verschärfen damit die Krise. Doch das Problem haben sie nicht geschaffen. Dass kaum ein privater Investor den Griechen Geld leihen will, liegt an der desaströsen Lage im Land.