1. An jedem letzten Werktag des Monats bilden sich vor dem Bankautomaten der Sparkasse im Stadtzentrum von Wittenberge lange Schlangen. Viele Bürger nennen diesen Menschenauflauf abwertend "Hartz-IV-Party".

2. Das Geschäft mit Sonnen- und Nagelstudios, Reiki und Ayurvedamassagen blüht. An die Stelle der Sorge um den Arbeitsplatz ist die Sorge um den eigenen Körper getreten.

3. Die Firma Veritas war mal das modernste Nähmaschinenwerk Europas. Das Ziffernblatt am Uhrenturm auf dem alten Fabrikgelände ist größer als das des Londoner Big Ben. Am Ort der ehemaligen Größe Wittenberges finden jetzt regelmäßig "Tanzrauschpartys" mit DJs aus Berlin statt.

4. Freitags und sonntags füllt sich der Bahnhof. Die Hälfte der Wittenberger Erwerbstätigen pendelt.

5. Ein Sammler von Objekten aus der DDR hat 32 Feuerwehr-, 22 Polizei-, 33 Militärfahrzeuge, sechs Krankenwagen und zwei Staatskarossen zusammengetragen. Ein Bleigewicht der Vergangenheit.

6. Wenn die Sozialforscher in ihren Interviews nach den meistgenannten Wörtern suchen, sind das immer "damals" und "früher".

7. In den neunziger Jahren wurden in Wittenberge zahlreiche Vereine gegründet, etwa ein Seemannschor. Die Sänger sagen: "Wenn wir unsere Shantys singen, sind wir in unserer Zeit." Die Sozial- forscher halten den Verein für eine Zeitmaschine in die Vergangenheit.

8. Die Geburtenrate steigt. Die Sozialforscher sind unschlüssig, was das bedeutet.

9. "Meine Frau und ich haben das Heizungsholz für die nächsten zehn Jahre schon gemacht", sagt ein Familienvater. Eine Strategie der Vorsorge.

10. "Sie müssen da mal hinfahren. Alle müssen da mal hinfahren. Man darf nur nicht zu lange bleiben." Zitat aus "Die Überflüssigen", einem Theaterstück von Philipp Löhle, entstanden aus der Zusammenarbeit der Sozialforscher mit jungen Dramatikern.

11. In Wittenberge gibt es einen informellen Recycling-Handel. Blei beispielsweise, das sich in vielen Elektrokabeln findet, lässt sich einschmelzen und in Angelgewichte gießen. So wird der Rohstoff wiederverwertet.

12. "Als die Kinder in den Westen gegangen sind, haben wir hier eine Pension für Fahrradtouristen aufgemacht." Weggehende schaffen auch Freiräume.

 

13. In der zentralen Einkaufsstraße gibt es viele Geschäfte von Vietnamesen. Neben Billigtextilien wird dort auch Kleidung für die Mittelschicht angeboten, sie orientiert sich an der Mode in Hamburg und Berlin.

14. In die Videothek kann man Fisch zum Räuchern bringen. Beim Subaru-Händler kann man gebrauchte Jerry-Cotton-Hefte erstehen. Der Anhängerbauer vermittelt Frauen aus der Ukraine zum Heiraten. Wenn das eine nicht klappt, klappt das andere.

15. "In der Schule machen wir die Kinder fit für den Kapitalismus", sagt eine Wittenberger Gymnasiallehrerin.

16. Wenn bei Netto die Kartoffeln im Angebot sind, trifft man sich in der Schlange zum Reden. Konsum verschafft Teilhabe.

17. Die Elbe ist für die Leute ein Sehnsuchtsort. Alles fließt.

18. Ein-Euro-Jobber, die den Müll aufsammeln sollen, finden auf den Straßen so wenig Abfall, dass sie ihn von zu Hause mitbringen.

19. Ein Unternehmer vermarktet leere, verfallene Stadtteile als Nachkriegskulisse an die Filmindustrie. In Wittenberge wurden seit der Wende mindestens 14 Filme gedreht. Dabei spielen Dekor und Kosten eine große Rolle.

20. Im Eisenbahnverein werden die ausgemusterten Loks seit Jahrzehnten so gut gepflegt, dass sie schon morgen wieder fahren könnten. Das ist mehr als nur Erinnerungspflege.

21. In der ehemaligen Arbeiterstadt gibt es acht Religionsgemeinschaften wie die evangelikale Gemeinschaft der Göttlichen Sozialisten.

22. Man spricht über die Benzinpreise, auch wenn man kein Auto hat. So nehmen alle am großen gesellschaftlichen Diskurs teil.

23. Wer sich etwas leisten will, kauft frische, handgemachte Pralinen in einer Chocolaterie. Das Geschäft gehört einer Niederländerin.

24. Manche Straßen bestehen nur aus zusammengebrochenen Häusern. Mittendrin hat sich eine Familie ein Haus hergerichtet. So behauptet sie trotzig ihre Zukunft.

25. Jeder sechste Bürger wirtschaftet in seinem Kleingarten. Wie ein Herzschrittmacher bestimmen die Gärten den Rhythmus der Stadt.