Es gibt kein Geld mehr, und das ist natürlich der beste Grund, möglichst viel davon auszugeben. Alle Haushaltslöcher und Sparzwänge sind vergessen, wenn sie in Berlin ein Schloss (600 Millionen Euro) oder in Hamburg eine Philharmonie (500 Millionen) errichten. Und muss für den Neubau ein altes, denkmalgeschütztes Gebäude abgerissen werden, dann spielen die Kosten erst recht keine Rolle. Köln will 300 Millionen für ein neues Schauspielhaus ausgeben, Hannover hat 45 Millionen für einen Plenarsaal des Landtags übrig, Bonn schließlich wünscht sich ein 100-Millionen-Euro-Konzerthaus. Und in allen drei Fällen sollen dafür prominente Baudenkmale geopfert werden, Häuser, die kaum älter sind als 50 Jahre.

In Köln ist der Zuschauerraum zu groß, in Hannover der Saal zu dunkel, in Bonn könnte die Akustik besser sein. Doch so unpraktisch oder abgenutzt die drei Gebäude auch sein mögen, nichts spricht dafür, sie deswegen gleich abzureißen. Wer es dennoch tut, handelt wider alle ökonomische und ökologische Vernunft und untergräbt zudem die eigene Glaubwürdigkeit. Denn eine Stadt, die ihre eigenen Denkmale niedermacht, kann künftig von den Bürgern kaum mehr erwarten, dass sich diese auch weiterhin mit Hingabe und Geduld ums kulturelle Erbe kümmern. Der Preis für die drei geplanten Abrisse ist also hoch, in jeder Hinsicht.

Doch bislang sind viele Politiker wild entschlossen, ihn zu zahlen. Die alten Klötze sollen endlich weg, sagen sie hinter vorgehaltener Hand und wissen sich mit dieser Meinung nicht allein. Überall wird die Architektur der Nachkriegszeit entstellt oder gleich ganz zerstört. Und vor allem die Bauten der sechziger Jahre dürfen kaum mit Milde rechnen.

Kein anderes Jahrzehnt wurde und wird von Stadt- und Architekturkritikern so innig geschmäht, kein anderes zieht so viel Hass auf sich. Selbst die Bauforscher und Denkmalpfleger sind oft unsicher, was von dieser Zeit eigentlich bewahrenswert ist. Und so wähnen sich die Abrissfreunde vollauf im Recht: Nieder mit den Sechzigern, Schluss mit der Scheußlichkeit!

Allerdings, dies sei kurz angemerkt, galt auch der Barock einst als scheußlich und wurde vielerorts abgeräumt, später fand man Fachwerkhäuser furchtbar hässlich und riss sie weg, schließlich musste der Jugendstilstuck dran glauben und wurde von den Wänden geklopft, weil er das Geschmacksempfinden der Nachkriegszeit störte. Wollte man eine Lehre aus diesen Erfahrungen ziehen, dann wohl die: auch den Sechzigern eine Chance zu geben.

Viele Bauten jener Jahre sind ja keinesfalls so beliebig und austauschbar, wie gerne kolportiert wird. Vielmehr sind die Sechziger leicht als Sechziger zu erkennen, die Architektur fand damals zu unverwechselbaren Ausdrucksformen. Sie war auch nicht überhistorisch, auch wenn das manche behaupten, sondern verkörperte ihre Zeit, erzählte in oft ausgreifender, über sich selbst hinauswachsender, nicht selten auch übergewichtiger Art von dem satten Wohlstand dieses Jahrzehnts, von der prallen Zuversicht, mit der man plante. Viele Gebäude jener Jahre sehen aus, als wären sie auf Zuwachs geplant, ein paar Nummern zu groß, damit sie auch morgen noch passen.

Dieser Glaube an den unerschütterlichen Fortschritt mag einem heute fremd vorkommen, geradezu anmaßend. Und doch kann man die Sechziger auch beneiden: um die Selbstverständlichkeit, mit der die Planer das Morgen ergreifen zu können meinten, und um die Zuversicht, mit der sie noch die komplexesten Aufgaben, die Erfindung ganzer Stadtkörper, in Angriff nahmen. Damals war die Zukunft heute. Heute, in einer Zeit der Schloss-, Kirchen- und Innenstadt-Rekonstruktionen, suchen wir sie im Gestern. Und anders als in unserer Gegenwart, da die öffentliche Hand alle größeren Bauvorhaben gern privaten Investoren überlässt, glaubten die sechziger Jahre noch an ein Wir oder strebten zumindest danach.

Rathäuser, Kirchen, Bürger- und Kulturhäuser sonder Zahl entstanden und zeugen bis heute von der Entschlossenheit, mit der man den neuen Reichtum jener Jahre in Orte investierte, die dem Miteinander dienen. Auch davon künden die bedrohten Bauten in Köln, Hannover und Bonn: Architektur sollte eine Sache aller sein und nicht nur das Geltungsbedürfnis einiger weniger Bauherren befriedigen. Das Bauen verfolgte einen sozialen Auftrag.

 

Waren die fünfziger Jahre noch geprägt von dem Wunsch nach Auflockerung und Entflechtung, liebte man damals das locker Hingestreute, plante beschwingte Pavillons in dahinwogender Stadtlandschaft, von keiner höheren Ordnung verbunden, so schien man nun, in den Sechzigern, gegen den "Verlust der Mitte" (Hans Sedlmayr) anzubauen. Es gab ein wachsendes Bedürfnis nach Verbindung und Verbindlichkeit. Während die politische Welt geprägt war von der eisigen Trennung der Blöcke, entwarfen die Architekten vielerlei Stätten der Zusammenkunft. Alles sollte nun Zentrum sein, Schul-, Gemeinde-, Einkaufs-, Kultur-, Jugend- oder Freizeitzentrum. Man strebte nach "Urbanität durch Dichte".

Dieses gestärkte Bedürfnis nach Zusammenhalt veränderte auch die Formensprache vieler Gebäude in den sechziger Jahren. Ob Rathäuser, Kirchen oder Geschäftsbauten – überall verliert sich das heitere, fliegende Spiel der Fünfziger. Von stelzendünnen Pfeilern und Schmetterlingsdächern, von bunten Mosaiken oder goldeloxierten Treppengeländern will man nun nichts mehr wissen. Die luftige Eleganz weicht einer kompakten, nicht selten kantigen und massiven Durchdrungenheit.

Die oft gewaltigen Bauvolumen werden von den Architekten gerne in verschiedene Quader, Würfel oder auch Zylinder zerlegt, diese aber wiederum wie in einem dreidimensionalen Puzzle eng miteinander verzahnt. So verkörpern diese Bauten nicht selten das Prinzip der Vielheit, ohne das Prinzip der Verbundenheit aufzugeben. Wer will, kann darin einen gesellschaftlichen Subtext erkennen, so etwas wie die Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der sich der ewige Konflikt zwischen Individuum und Kollektiv zum Guten löst.

Selbst im Wohnungsbau, traditionell eher konservativ, erproben in den sechziger Jahren viele Architekten experimentierlustig neue, ungewöhnliche Formen des Zusammenlebens in Ketten-, Gruppen- oder Hügelhäusern, die das Ideal städtischer Nähe mit dem Wunsch naturgrüner Individualität zu kombinieren suchen. Auch Häuser aus Plastikhäuten, aus Segeln und Gummi, als Andockstationen und modellbauartige Versatzstücke geisterten durch die Köpfe mancher Planer. Und immer ging es um die Zusammenführung des Segmentierten und damit auch: um die Überwindung des entfremdeten Daseins.

Manche dieser Schwebe- und Gewebeträumen wurde tatsächlich gebaut. Viel verbreiteter allerdings war eine Architektur, die das wahre, ganzheitlich vertäute Leben in einer neuen Erdenschwere suchte. Beton, gerne schalungsrau verarbeitet, war dafür oft das Mittel der Wahl, denn zum einen ließen sich damit bestens jene skulptural durchformten Kompaktkörper errichten, jene Häuser für viele und vieles, nach denen damals nicht wenige Planer strebten. Zum anderen schien der Beton eine neue Direktheit, ja Wahrhaftigkeit zu verheißen. Nicht mehr licht und unverbindlich sollte die Architektur sein, sondern von körperhafter und körperlich spürbarer Relevanz. Sie sollte sich nicht in bloßen Oberflächenreizen erschöpfen, sollte vielmehr existenziell sein, unmittelbar. Einem ähnlichen Ethos hingen auch jene Architekten an, die ihre Bauten ganz aus der Funktion ableiten und die inneren Strukturen unkaschiert nach außen für alle sichtbar machen wollten. Vor allem aber schien eine ruppige Betonhaut vom ehrlichen Charakter eines Bauwerks zu zeugen. In diesem sollte der Mensch das falsche, künstliche Leben hinter sich lassen können.

Der maschinengeprägten Vorstellung einer Funktionsarchitektur setzt man eine kunstbestimmte, oft skulpturhaft ausgeprägte Idee von Einzigartigkeit entgegen. Trutzig demonstrieren viele dieser Bauten ihre Eigenheit und Unverrückbarkeit. Man kann darin oft auch eine gewisse Wehrhaftigkeit erkennen, denn selbst dort, wo breite Fensterbänder die Fassade öffnen, werden sie durch kräftige Brüstungen eingefasst, manchmal Sichtblenden gleich, die jederzeit zufallen können. Als sich der Philosoph Ernst Bloch über die Unbehaustheit beklagte und meinte, viele Bauten der Moderne sähen "wie reisefertig drein", kann er nicht primär die Architektur der sechziger Jahre gemeint haben. Bei aller Offenheit und Transparenz vieler Gebäude, bei aller Liebe für Vorhangfassaden und schmale Scheibenhäuser überwiegt doch der entschiedene Wille zum Bleiben.

So nahmen die Architekten in gewisser Weise die wütende Kritik an der Moderne vorweg, die vor allem in der Mitte des Jahrzehnts losbrach. Sie bauten an gegen die Beliebigkeit, das Entwurzelte und Einförmige, gegen all das, was den sechziger Jahren bis heute paradoxerweise vorgeworfen wird. Dennoch sind die Vorwürfe keineswegs immer falsch. Auch wenn viele Kritiker die Bauten jener Jahre reflexhaft verdammen, ohne sich auch nur einen Moment lang mit deren Charakter und Idealismus zu beschäftigen, hat ihre Skepsis häufig Gründe.

So gehört es zu den schwer erträglichen Widersprüchen dieses Jahrzehnts, dass es den autoritären Funktionalismus der Moderne ablösen wollte, dabei aber ebenfalls oft autoritär verfuhr. Man wollte den Zweckbau überwinden und erfand den Mehrzweckbau. Viele Bauten strebten nach Verbindung, wollten Zentrum sein – und wurden am Ende doch bestenfalls Inseln im urbanistischen Meer der Haltlosigkeit. Sie wollten Orte markieren, entwickelten unverwechselbare Großformen, um so dem Unwirtlichen der modernen Metropole etwas entgegenzusetzen. Doch in den groß- und vielspurigen Stadtvorstellungen, im allumfassenden Anspruch der Architekten, die alle urbane Kleinteiligkeit in einer architektonischen Großform unterbringen wollten, werden ihre Bauten nicht selten selbst unwirtlich. Und auch wenn man in der Widerborstigkeit dieser Architektur, in ihrer Schwere und Beleibtheit so etwas wie den Versuch erkennt, dem Strom einer beschleunigten, wachstumsversessenen Zeit verlässliche Orte des Bleibens einzuschreiben, fällt es schwer, diesen Versuch zu würdigen. Zu sehr verkörpert er selbst den Wachstumswahn, ja ist dessen architektonischer Ausdruck. Zu sehr bleibt er der Vorstellung verhaftet, man könne Architektur programmieren, könne Gesellschaft technisch wie soziologisch per Endfertigung herstellen.

 

Dies allein den Architekten und Stadtplanern vorzuwerfen griffe zu kurz. Die Klotzigkeit jener Jahre, die nicht selten vermassten, groben und oft übergewaltigen Bauten begründen sich primär in dem irrwitzigen Volumen, das damals zu bauen war. Es sollte viel sein, und es sollte schnell gehen, man lebte im Westen einen neuen Reichtum und versuchte im Osten, emsig mitzuhalten. Die Wirtschaft wuchs, die Bevölkerung wuchs, die Ansprüche wuchsen erst recht – und schon deshalb hätten die Planer, selbst wenn sie willens gewesen wären, nicht so umsichtig und behutsam vorgehen können, wie man es heute erwarten würde. Es galten keine Maßstäbe mehr, die ein Abdriften ins Maßstabslose verhindert hätten. Alles war entfesselt, selbst der Mond zum Betreten nah – wie hätte sich ausgerechnet die Architektur Fesseln anlegen sollen?

In den Jahren bis zur Ölkrise 1973, in denen es allgemein steil bergauf ging, genossen auch die Architekten eine unerhörte Freiheit. Die öffentlichen Haushalte flossen über, und es war das letzte Jahrzehnt, in dem man sich mit einer gewissen Naivität der verändernden Kraft des Bauens verschreiben und an das utopische Projekt namens Architektur glauben konnte. Dass nun ausgerechnet diese goldenen Jahre im Nachhinein vielen als so grau und entbehrlich erscheinen, das muss man wohl eine geradezu traumatische Erfahrung nennen.

Überlagert wird dieses Trauma von einem zweiten: dem Trauma des Krieges und der Teilung. Wie in keinem anderen Land stand das Bauen in BRD und DDR immer auch im Zeichen der Systemkonkurrenz. Nicht zuletzt die Bereitwilligkeit, mit der viele Architekten im Westen Deutschlands auf Vorbilder aus Frankreich oder den USA zurückgriffen, diese in manchen Fällen regelrecht kopierten, zeugt von diesem Lagerdenken. Mit großer Inbrunst sagte man sich vom Alten los, in West wie Ost gleichermaßen, um eine bessere, vergangenheitsbereinigte Zukunft entwerfen zu können.

Auch das erklärt, warum viele Bauten der fünfziger und sechziger Jahre so beziehungslos in den undefinierten Weiten des urbanen Raum herumstehen: Sie wollten keine Beziehung. An das überlieferte Stadtbild anzuknüpfen, gar auf den Fundamenten der Kriegsruinen aufzubauen, wie es etwa in Münster geschah, galt allgemein als reaktionär. Mithin ist die Nachkriegsarchitektur zumindest indirekt auch der Nazi-Zeit geschuldet, in der Negation dessen, was lange üblich und bewährt gewesen war. Und weil beide deutschen Staaten darum wetteiferten, wer von ihnen moderner und zukunftsfroher sei, verstärkte sich noch der Impuls, das Heil allein im Neuen zu suchen.

Doch kann Abreißen die Lösung sein? Manchmal wohl schon. Manchmal haben sich die Planer im Eifer der Baugefechte verrannt, manchmal erstarrten die Ideale von einst zu technokratischen Formeln, und vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts blieb von den Avantgardehoffnungen nur bauwirtschaftsgetriebener Größenwahn übrig, eine Form von Zwangsbeglückung, die alle unglücklich macht. Doch die Epoche als Ganze zu verdammen und am liebsten alles niedermachen zu wollen, das bedeutet nichts anders, als die sechziger Jahre in ihrem Tabula-rasa-Denken und ihrem Wachstumswahn fortzuschreiben. Es wäre eine Form von Verdrängung, die eine andere Form von Verdrängung verdrängen würde.

Mit einem Denken in Dichotomien wird man kaum weiterkommen. Höchste Zeit ist es, den stupiden Schlagabtausch zwischen Gut und Böse, Schön und Hässlich zu beenden. Es gibt gute Gründe, über die sechziger Jahre zu staunen. Gute Gründe, sich über sie zu entsetzen. Und viele Gründe, sich auf dieses Spannungsfeld hinauszubegeben.

Was das bedeutet, lässt sich in Hannover, Bonn und Köln beobachten. In allen drei Städten streiten erstaunlich viele Bürger für den Erhalt ihrer bedrohten Bauten aus den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren. Die Kölner haben über 30.000 Unterschriften für den Erhalt des Schauspielhauses gesammelt und setzen jetzt auf ein Bürgerbegehren. In Bonn soll mit der Landtagswahl in NRW über den Erhalt der Beethovenhalle entschieden werden. Und selbst in Hannover zögern die CDU-Abgeordneten noch, ob sie wirklich ihren Plenarsaal und damit einen Teil ihrer Parlamentsgeschichte zerstören sollen. Dass die sechziger Jahre plötzlich geliebt würden, wird niemand behaupten. Doch in ihrer Gespaltenheit sind sie uns näher, als viele ahnen.

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