Vorsichtig tupft Margit Gabriele Müller die Fußsohlen des betäubten Falken ab, trägt eine lindernde Salbe auf und verbindet die Füße des Greifvogels wieder. "Wenn Falken zu wenig Bewegung haben, schwellen die Füßchen an und entzünden sich", erklärt die Direktorin des Falkenhospitals in Abu Dhabi.

Vor neun Jahren bekam sie überraschend das Angebot, die Falkenklinik in Abu Dhabi zu leiten. Inzwischen hat die 41-Jährige die Klinik zum weltweit führenden Zentrum für Falkenmedizin ausgebaut. Daneben betreibt sie auf dem Klinikgelände eine Pension für die Greifvögel, wo sie untergebracht werden, wenn die Besitzer sich auf Reisen befinden, und ein Konferenzzentrum. Die Management-Kenntnisse dafür hat sie in einem MBA-Studium erworben.

Müller war schon bei einem Praktikum während ihres Tierarztstudiums in Dubai auf die häufigen Fußprobleme der Raubvögel aufmerksam geworden und hatte schließlich an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität über Sohlenballengeschwüre bei Jagdfalken in den Vereinigten Arabischen Emiraten promoviert.

Der Anfang in Abu Dhabi sei trotzdem hart gewesen, erinnert sich Müller. Denn es dauerte lange, bis die Emiratis der deutschen Tierärztin vertrauten. Statt ihres Lieblingsfalken brachten sie ihr manchmal nur eine Kotprobe von dem kranken Tier. "Inzwischen wissen sie, dass ich gut bin und wir hier alles nur Mögliche für ihre Lieblinge tun."

Rund 5000 Falken behandelt sie im Jahr, und inoffiziell ist sie stets 24 Stunden im Einsatz. Neulich ist sie wieder in der Nacht aus dem Bett geklingelt worden, weil ein Falke in Saudi-Arabien um Mitternacht von einem anderen Falken schwer verletzt worden war. Der Besitzer setzte sich sofort ins Auto und fuhr die Strecke von mehreren Hundert Kilometern über die Grenze bis nach Abu Dhabi. "Um fünf Uhr morgens haben wir das Tier dann operiert", erzählt Müller.

Falken haben auf der Arabischen Halbinsel einen besonderen Status. Früher halfen die Raubvögel dank ihrer Jagdkünste den Beduinen beim Überleben in der Wüste und lebten dabei inmitten der Familie. Daran hat sich nicht viel geändert, auch wenn der Falke heute im Wohnzimmer hockt und mit Wachteln gefüttert wird. "Die haben noch immer einen Stellenwert wie ein Kind", erzählt Müller. Und so wie eine Mutter mit ihrem kranken Kind zum Arzt geht, bringt der Falkenbesitzer seinen gefiederten Gefährten zur Klink. "Manche fragen dann täglich nach dem Befinden und besuchen ihn", erzählt die Klinik-Direktorin.